Ruhepol als Symbol des Aufbruchs

Der St. Leonhardspark steht nicht für das mittelalterliche St. Gallen wie die Plätze der Altstadt. Er wurde im Zuge der rasanten Stadterweiterung gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach dem Vorbild englischer Squares konzipiert.

Beda Hanimann
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Wie in der Grossstadt: Ein üppig begrünter Park in einem von Häusern und Strassen umgebenen Geviert. (Bild: Michel Canonica)

Wie in der Grossstadt: Ein üppig begrünter Park in einem von Häusern und Strassen umgebenen Geviert. (Bild: Michel Canonica)

Einige Dutzend Tauben picken munter im Kies herum, natürlich hört man da sogleich Georg Kreislers Stimme, seinen rabenschwarzen Aufruf «Gehn wir Tauben vergiften im Park!». Doch die alte Frau, die nun aus ihrer Rolleinkaufstasche einen Beutel kramt und sich unter die Taubenschar mischt, scheint unverdächtig. Sonst liegt der Park leer, Samstag morgen um zehn Uhr.

Das ist nicht immer so, aber eine Aura von Ruhe und Friedlichkeit umgibt den St. Leonhardspark auch dann, wenn er belebter ist. Und das, obwohl er von vier Strassen umgeben ist und am Rand der Bahngleise liegt. Die Bäume und Sträucher, die ihn auf allen Seiten abschliessen, sind wie ein Schutzwall, und das gerade macht ihn zur Oase: Während draussen der Verkehr pulsiert und Züge ein- und ausfahren, liegt der Park da, eine Metapher des Bleibens.

Ein Park für alle

Zum Bleiben lädt er Jung und Alt ein. Eine Kinderecke mit Klettergeräten und Rutschbahn zieht Kinder und ihre Mütter an, in den Unterrichtspausen strömen die Schülerinnen und Schüler vom nahen Schulhaus in den Park. Am Mittag wird das Leonhardspärkli mit seinen Tischen und Bänken zum Picknickplatz für die Angestellten der umliegenden Büros. Es ist Treffpunkt ehemaliger Gastarbeiter, die längst pensioniert sind und den Schwatz unter freiem Himmel zelebrieren, als lebten sie immer noch in Sizilien oder Andalusien. Einen Hauch französisches Savoir-vivre bringen die Pétanque-Spieler hinein, und bisweilen gibt es Feste – keine Monsteranlässe, sondern intime Feiern des Zusammenseins. Zu all dem friedlichen Treiben plätschert das Wasser der Fontänen, und in der Mitte des Brunnenbeckens steht reglos Wilhelm Meiers «Mädchen mit Krug».

Von Anfang an gewollt

Der St. Leonhardspark steht nicht für das klösterliche und mittelalterliche St. Gallen wie die Plätze in der Altstadt. Er repräsentiert die Stadt des Aufbruchs gegen das Ende des 19. Jahrhunderts. Und er entstand nicht irgendwann aus einer Verlegenheit heraus, weil da wegen glücklicher oder unglücklicher Umstände ein Geviert zufällig unverbaut geblieben wäre, sondern er war von Anfang an geplant und gewollt. In den 1880er-Jahren wurde er im Zuge der Stadterweiterung nach englischem Vorbild als Square angelegt. Auf dem Stadtplan von 1883 endet das überbaute Gebiet an der Kesslerstrasse, die daran anschliessende Davidsbleiche ist leer. 1891 ist bereits der quadratische Park zu sehen, noch bildet er den Abschluss des Quartiers, 1903 sind dann im Stadtplan auch die schlossartigen Backsteingebäude auf dem Nachbargrundstück eingezeichnet.

Diese Selbstverständlichkeit, mit der der Park seinen Platz innerhalb der Stadt behauptet und stets behauptet hat, trägt zu seiner Aura bei. Trotz seiner Kleinheit (das Gartenbauamt nimmt es genau und beziffert die Fläche auf 3511 Quadratmeter) hat der Park etwas Grossstädtisches. Er ist kein Unikat, solche Pärke gibt es auch in London, Paris, Barcelona oder Guayaquil. Aber Kiesboden, Bäume, Sitzgelegenheiten, Brunnen, das ist das universelle Mobiliar einer Ruhe, die auch vom Strassen- und Bahnverkehr nicht gestört wird. Und auch nicht von eiligen Passanten, die den Park nur als Abkürzung benutzen.

Bild: BEDA HANIMANN

Bild: BEDA HANIMANN