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RÜCKTRITT: Freisinnige mit sozialer Ader

Sie ärgert sich über die linke Verkehrspolitik. Und sie vermisst beim Marktplatz «eine Vision». Stadtführerin und Schulleiterin Jennifer Deuel sass 13 Jahre für die FDP im Stadtparlament. Nun tritt sie zurück.
Christina Weder
Jennifer Deuel vor der Tonhalle: Sie hat einst eine Gesangsausbildung gemacht. (Bild: Benjamin Manser)

Jennifer Deuel vor der Tonhalle: Sie hat einst eine Gesangsausbildung gemacht. (Bild: Benjamin Manser)

Jennifer Deuel liebt den Stiftsbezirk. Als Stadtführerin führt sie Touristen auch gerne zur urbanen Lokremise. Oder sie begleitet sie auf den roten Platz und erzählt, wie das Bleicheli errötete. Für ein Treffen schlägt sie aber das «Concerto» bei der Tonhalle vor. Das sei praktisch. Sie wohnt einen Katzensprung davon entfernt. In Gehdistanz befindet sich fast alles, was ihr wichtig ist: Theater, Museen, Schulen, das historische Stadtzentrum. Und der Ratssaal im Waaghaus.

13 Jahre sass Deuel für die FDP im St. Galler Stadtparlament. Ende März ist sie zurückgetreten. Sie wollte ihren Sitz für einen jungen Parteikollegen räumen, begründet sie. Für die 61-Jährige rückt Benedikt Van Spyk mit Jahrgang 1979 nach.

Schulleiterin mit Gesangsausbildung

Jennifer Deuel ist Mutter von vier erwachsenen Söhnen und seit kurzem Grossmutter eines Enkels. Ursprünglich hat sie das Lehrerseminar besucht und anschliessend eine Ausbildung als Sängerin abgeschlossen. Heute arbeitet sie in Teilzeit als Schulleiterin und Stadtführerin.

Von lokalen Politikern wird sie als angenehm und wohlmeinend beschrieben. Deuel war keine Stadtparlamentarierin, die mit besonders originellen Ideen von sich reden machte. Aber sie war auch keine Hinterbänklerin. Im Gegenteil: Sie gilt als engagiert und steht für bestimmte Grundwerte ein. So ist ihr ein soziales Engagement wichtig. Sie hat schon zahlreiche ehrenamtliche Aufgaben übernommen. Elf Jahre lang war sie in der Vorsteherschaft der Kirchgemeinde St. Gallen Centrum tätig. Zwischen 2006 und 2011 war sie Stadtparteipräsidentin der FDP. Ihrer Partei gegenüber verhielt sie sich stets loyal. Sie sei immer für bürgerliche Anliegen eingestanden, sagt Deuel bei einer Tasse Cappuccino. Doch das sei schwieriger geworden. Die Kräfteverhältnisse im Stadtparlament haben sich nach links verschoben.

Themen, die sie aus dem Schulalltag kennt

Im Gespräch wird rasch deutlich, für welche Themen ihr Herz schlägt. Im Stadtparlament war sie Mitglied der Bildungskommission und setzte sich für diverse Schulthemen ein. Dabei geriet sie auch schon mit der eigenen Partei in Konflikt – etwa als die FDP 2006 die Nein-Parole zur neuen Schulorganisation beschloss. «Ich war im Abstimmungskampf blockiert», erinnert sich Deuel zurück. Sie war von der Neuorganisation überzeugt, die knapp angenommen wurde.

Die Freisinnige betont, ihre Interessen beschränkten sich nicht auf Schulthemen. «Sie sind breiter.» Am meisten Echo lösten ihre beiden Einfachen Anfragen aus, wem eigentlich das Palace gehöre und was der Stadtrat gegen den Drogenhandel am Hauptbahnhof zu tun gedenke.

Auch in den Bereichen Kultur, Bauvorhaben und Verkehr brachte sie sich ein. Im Parlament sei immer wieder Geduld gefragt. Da vertrat sie die Einstellung: «Steter Tropfen höhlt den Stein.» Man müsse dranbleiben – ausser beim Marktplatz. Wenn sie sich eine bissige Bemerkung erlauben dürfe, dann diese: «Den Marktplatz solle man besser etwas ruhen lassen. Denn wir haben keine Vision und müssen aufpassen, nicht zu bünzlig zu sein.» Wahrscheinlich sei der Leidensdruck noch zu wenig gross.

Meistens zu kalt zum Velofahren

Richtig aufgebracht ist sie, wenn es um die «linke Verkehrspolitik» geht. Diese verfolge einzig das Ziel, den Verkehr zu verlangsamen und die Erreichbarkeit des Zentrums zu erschweren. Deuel kämpfte 2010 gegen das Reglement für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung. Und prägte in diesem Zusammenhang das Bonmot von der Veloville. Eine solche sei die Gallusstadt beim besten Willen nicht, ist sie heute noch überzeugt. Nur schon klimatische und topografische Gründe sprächen dagegen. «Ich steige nicht gerne aufs Velo, wenn die Temperaturen unter 17 Grad liegen», sagt sie. Dabei fahre sie eigentlich gerne Velo – aber nicht, um den Wocheneinkauf für eine grosse Familie zu transportieren.

Deuel ist im Aaretal aufgewachsen, einer Region, aus der das Velo nicht wegzudenken ist. Vor 27 Jahren ist sie ihrem Mann, einem Arzt, nach St. Gallen gefolgt. Ihr Berner Akzent ist noch deutlich zu hören. Als Stadtführerin entschuldige sie sich jeweils, dass sie keinen Ostschweizer Dialekt bieten könne. «Ich würde mich wie Trudi Gerster anhören und erzähle keine Märchen.» Jennifer Deuel ist zweisprachig aufgewachsen. Ihre Mutter stammt aus Liverpool. Nun hat sie sich vorgenommen, Italienisch zu lernen. Denn Italienisch sprechende Stadtführerinnen seien gesucht.

Mit ihrem Rücktritt aus dem Stadtparlament habe sie dafür mehr Zeit. Sie liest auch gern, schwimmt, gärtnert, hält sich in der Natur auf oder trifft sich mit der Familie. Und sie sei immer wieder offen, was ihr die Zukunft bringe. «Auch in meinem Alter kann man immer wieder Neues beginnen.»

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