Rotmontens «geilster» Block

Unter dem Titel «Geiler Block» eröffnet heute an der Resedastrasse eine Kunstausstellung. Nicht weniger als 36 Künstlerinnen und Künstler besetzen vorübergehend ein Mehrfamilienhaus.

Roger Berhalter
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Hässliche Fassade, «Schöne Aussicht»: Das alte Mehrfamilienhaus an der Resedastrasse beherbergt ab heute 36 Künstlerinnen und Künstler. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Hässliche Fassade, «Schöne Aussicht»: Das alte Mehrfamilienhaus an der Resedastrasse beherbergt ab heute 36 Künstlerinnen und Künstler. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Von aussen betrachtet ist es nur ein hässlicher grauer Block. Bis auf den gelben Schriftzug «Schöne Aussicht» an der Fassade. «Den habe ich angebracht, um die Nachbarn zu beruhigen», sagt Anita Zimmermann und lacht. Seit drei Monaten ist die St. Galler Künstlerin die «Besitzerin» des Mehrfamilienhauses in Rotmonten. Auf der Suche nach Ausstellungsräumen ist sie hier an der Resedastrasse fündig geworden. Der ehemals luxuriöse Block – in den 1960ern gebaut, seit acht Jahren leerstehend, dem Abbruch geweiht – war in jüngster Zeit immer wieder Schauplatz spektakulärer Aktionen. Die Polizei stürmte das Haus schon für fiktive Geiselnahmen, und auch die Feuerwehr hat hier schon trainiert.

Vom Eigentümer genehmigt

Jetzt ist die Kunst dran. Ab heute steht das Haus allen Interessierten offen, drei Wochenenden lang. «Geiler Block» nennt Anita Zimmermann ihr Projekt, das eine kreative, vom Eigentümer genehmigte Hausbesetzung ist. Abseits des institutionalisierten Galeriebetriebs und (fast) ohne Fördergelder hat die 58-Jährige in den vergangenen Wochen eine Art St. Galler Mini-Biennale auf die Beine gestellt. Sie nennt es ihre «Jahrhundertausstellung»: «Ich habe noch nie so etwas Grosses gemacht.»

Bekannte und Neulinge

Nicht weniger als 36 Künstlerinnen und Künstler beleben den «Geilen Block». Darunter findet sich fast alles, was in der regionalen Kunstszene Rang und Namen hat. Bekannte wie Alex Hanimann, Josef Felix Müller, Katalin Deér und Andy Guhl. Aber auch Neulinge wie die achtjährige Glenda Lorenzi, die ebenfalls einen kleinen Raum gestalten durfte. «Es gab keine Jurierung», erklärt Anita Zimmermann die Auswahl. Es sei eine «Herzauslese», sie kenne alle Beteiligten persönlich.

Ein Rundgang zeigt: Die Künstler haben nicht einfach Arbeiten aus dem Atelier mitgebracht, sondern arbeiten mit dem, was sie vorfinden. Thomas Stüssi lässt den Verputz an der Wand bedrohlich wuchern. Peter Dew schneidet Figuren aus der Tapete eines Wandschranks aus. Werner Widmer arrangiert auf dem Küchenboden unzählige Zuckerwürfel zu einem neuen Muster. Marianne Rinderknecht setzt den schwarzen Flecken eines Schimmelpilzes grelle Farben entgegen. Agatha Zobrist zerkratzt sorgfältig die Tapete, Beatrice Dörig legt ein digitales Störbild wie einen Teppich in der Küche aus. Stefan Inauen ertränkt ein Badezimmer in Farbe.

Jeder Künstler hat seinen Raum

Die Aufzählung könnte noch lange weitergehen, denn im «Geilen Block» wimmelt es von Rauminstallationen. Fast so wie vor zwei Jahren, gleich nebenan an der Guisanstrasse, als ein junges Kollektiv eine Villa unter dem Titel «Unraum 52» künstlerisch besetzte. Im Gegensatz zu damals sind heute im «Geilen Block» mehrheitlich gestandene Künstler am Werk. Obwohl sich im Haus 36 Kreative tummeln, hat alles seine Ordnung. «Jeder Künstler hat seinen Raum», erklärt Anita Zimmermann das Konzept. Sie selber tritt dabei doppelt auf: Als Kuratorin Leila Bock und als Künstlerin unter eigenem Namen. Auch sie hat sich ein Zimmer eingerichtet, ganz in Rot, mit grellen Vorhängen. Wie ein Bordellfenster leuchtet es in der grauen Fassade, und an der Wand steht: «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.»

Ausstellung «Geiler Block», Resedastrasse 1 (Endstation Rotmonten Buslinie 5 und 9): geöffnet bis 28.6., jeweils Fr/Sa 18–24 Uhr, So 10–18 Uhr; www.geilerblock.wordpress.com

Anita Zimmermann Künstlerin (Bild: Hanspeter Schiess)

Anita Zimmermann Künstlerin (Bild: Hanspeter Schiess)