ROTMONTEN: Geschichte in Grün

Wo einst Hühnerstall und Heuschopf standen, spriesst es im Gerhaldehof heute in allen Farben und Formen. Der herrschaftliche Landsitz ist fast 300 Jahre alt und hat in dieser Zeit viele Veränderungen durchlaufen.

Luca Ghiselli
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Kühles Nass: der Schwimmteich beim ehemaligen Heuschopf. (Bilder: Urs Bucher)

Kühles Nass: der Schwimmteich beim ehemaligen Heuschopf. (Bilder: Urs Bucher)

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Am Ende der kleinen Allee des Hirtenwegs in Rotmonten trifft ungezähmte Natur auf streng gegliederte Ordnung. Ein bäuerlicher Barockgarten im Süden gegen Stadt und Alpstein, ein wilder, naturnaher Garten mit Teich im Norden gegen Peter und Paul. Das Grün spriesst auf allen Seiten des Gerhaldehofs, gleich hinter dem Altersheim Rotmonten, nur so in die Höhe, und das trotz der späten Kältewelle Ende April.

Die grosszügige Gartenan­lage rund um den ehemaligen Landsitz des Bistums stand denn auch im Fokus der Führung, die am Donnerstagabend auf dem Grundstück nahe der «Sonne» Rotmonten stattfand. Dazu eingeladen hatte der Heimatschutz St. Gallen/Appenzell Innerrhoden. Eigentlich hätte der Rundgang bereits vor einem Jahr stattfinden sollen, anhaltender Regen machte den Organisatoren aber einen Strich durch die Rechnung. Doch auch am Verschiebedatum ein Jahr später sind rund 60 Interessierte nach Rotmonten gekommen, um einen seltenen Einblick in den Gerhaldehof zu erhalten.

Das einzige Auto in ganz Rotmonten

Hausherr Matthias Haller, emeritierter Professor an der HSG, wohnt seit über 40 Jahren im Ger­haldehof. «Ich war in das Haus verliebt, bevor ich es besass», sagt er. 1727 im Auftrag des Bistums St. Gallen erbaut, wurde das Gehöft erstmals im 19. Jahrhundert renoviert. «Das wissen wir, weil wir Zeitungen aus dem Jahr 1882 in der Isolationsschicht fanden», sagt Haller. Schon damals bestand das herrschaftliche Gehöft aus zwei Teilen: einem Wohntrakt und einem kleinen Anbau für den Knecht oder die Magd. 1918 kaufte dann ein Oberst Zürcher, Textilindustrieller und ranghoher Militär, das Haus samt Umschwung. Zürcher war der einzige Rotmöntler, der damals bereits ein Auto besass. Einige weitere Male wechselte der Ger­haldehof den Besitzer, bevor Matthias Haller den Gutshof dann 1975 in einem schlechten Zustand erwarb, und danach gemeinsam mit dem Architekt Bruno Bossart, Vorstandsmitglied beim Heimatschutz und seit 1981 mit den Ausbau- und Renovationsarbeiten am Gerhaldehof beauftragt, Stück für Stück auf Vordermann brachte. So entstand Ende der 1990er-Jahre aus dem damaligen Heuschopf ein Gartenhaus mit angrenzendem Naturteich und Solaranlage auf dem Dach, von 2002 bis 2004 kam die barocke Gartenanlage dazu. «Wir haben immer gemeinsam entschieden und dabei das Wohl der gesamten Anlage ins Zen­trum der Veränderungen gestellt», sagt Bruno Bossart. Wichtig sei dabei gewesen, dass man nie das grosse Ganze aus den Augen verloren habe, sondern von Anfang an jeden kleinen Renovationsschritt im Zusammenhang mit weiteren Arbeiten sah. Jedes Baugesuch, jeden Plan seit 1920 habe man sorgfältig aufbewahrt, um der Geschichte und Entwicklung des Gerhaldehofs Rechnung tragen zu können.

Zusammenspiel von innen und aussen

Während die Gartenanlage verschiedene Stile verkörpert, hat sie eine Konstante. Weil sie einen Radius von beinahe 360 Grad um das Haus herum einnimmt, ist ein Teil davon den ganzen Tag über besonnt. «Man kann quasi der Sonne im Uhrzeigersinn folgen», sagt Haller. Vom 1920 erbauten Gartenpavillon über den Barockgarten ums Haus bis zum Teich, wo abends die Sonne scheint. «Für jede Stimmung und jede Tageszeit gibt es einen idealen Aufenthaltsort im Garten.»

Wichtig ist Haller und Bossart nicht nur das Zusammenspiel von historischer Bausubstanz und moderner Weiterentwicklung, sondern auch die spielerische Harmonie von innen und aussen auf dem Gehöft. «Wir wollen, dass der Charakter im Garten wie im Haus erhalten bleibt.»