Rorschachs Olympia-Helden

RORSCHACH. Die olympischen Spiele in London sind in vollem Gange. In der Region wecken sie besonders bei Michael Gier und Ueli Bodenmann Erinnerungen. Beide holten für den Seeclub Rorschach olympische Medaillen – und fiebern heute noch mit.

Corina Tobler
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Atlanta 1996: Markus (l.) und Michael Gier rudern im Doppelzweier mit drei Sekunden Vorsprung zu Gold. (Bild: Tagblatt-Archiv)

Atlanta 1996: Markus (l.) und Michael Gier rudern im Doppelzweier mit drei Sekunden Vorsprung zu Gold. (Bild: Tagblatt-Archiv)

Wenn der Schweizer Doppelvierer heute im B-Final um ein olympisches Diplom rudert, drücken ihm in der Region zwei Menschen besonders fest die Daumen: Die Rorschacher Olympia-Helden Ueli Bodenmann (Silber in Seoul 1988) und Michael Gier (Gold in Atlanta 1996).

Die Silbermedaille im Schrank

Sie haben ihre Karrieren als Ruderer zwar schon vor Jahren beendet, stehen zu den Athleten in London aber trotzdem in engem Kontakt – Bodenmann über den von ihm trainierten Ruderer Nico Stahlberg, Michael Gier über Bruder Markus, der als Trainer des Doppelvierers in England ist. Bodenmann gibt unumwunden zu, dass seine Nervosität seit dem Eingreifen des Doppelvierers ins Geschehen in London sprunghaft angestiegen ist. «Selbst nach meiner Aktivzeit war ich innerlich stets im Ausnahmezustand, wenn Olympia war», sagt er und lacht. Obwohl seine Medaille heute «irgendwo in einer Schachtel im Kasten» versteckt liegt, sind seine Erlebnisse in Seoul unvergessen. «Ich denke zwar nicht täglich daran, aber Seoul und die beiden folgenden Spiele waren Meilensteine in meinem Leben.»

Zweiwöchiges Fest im Dorf

Michael Gier – seine Medaille hat noch einen Ehrenplatz in seinem Zuhause – empfindet ähnlich. «Einen Olympiasieg vergisst man sein Leben lang nicht. Nur schon die Teilnahme ist ein Riesen-Erlebnis. Der Einzug ins Stadion vor 88 000 Zuschauern in Atlanta war mit nichts vergleichbar, was ich je zuvor erlebt hatte. Zudem nehmen an Olympia nicht nur die Ruderer teil, sondern Vertreter aller nur vorstellbaren Sportarten und Länder.» Das Leben im olympischen Dorf, sind sich Bodenmann und Gier einig, macht einen grossen Teil der Faszination Olympia aus. «Die Sportler bekommen rund um die Uhr gratis Verpflegung. Mit der Vergabe der ersten Goldmedaille am ersten Tag beginnt ein zweiwöchiges Fest im Dorf», erzählt Gier. Bis zum eigenen Wettkampf müssen die Athleten dies ausblenden. So auch Bodenmann: «Ich war jeweils in meiner eigenen Welt und habe den Rummel ignoriert. Doch wir Ruderer haben Glück. Unsere Wettkämpfe sind stets in der ersten Woche. Den Rest der Spiele können wir so richtig geniessen.»

Giers wollten gar nie rudern

Die Gebrüder Gier haben vor ihrem Sieg bewusst nicht im Dorf gewohnt, sondern 90 Meilen entfernt. Was war denn ihr Erfolgsrezept? «Rudern braucht Technik, Kraft und Ausdauer. Dazu kamen unser Ehrgeiz, die Fähigkeit zur Selbstkritik, der Wille über sich hinauszuwachsen und die mentale Gewissheit, dass Gold möglich war. Als Brüder haben wir zudem eine sehr enge Bindung», sagt Michael Gier und fügt lachend an, sie hätten eigentlich gar nie rudern wollen. «Ich begann erst mit 16, Markus mit 13. Unser Vater war im Seeclub Rorschach, und als Buben mussten wir immer bei den Regatten zusehen, wie er Letzter wurde», erinnert er sich.

Genug vom Rudern gehabt...

Die Brüder wurden nicht Letzte, sondern Olympiasieger. «Das hat uns zwar nicht reich gemacht, aber es hat uns einige tolle Erlebnisse ermöglicht. Wir trafen zum Beispiel Arnold Schwarzenegger oder waren bei <Wetten dass> zu Gast. Thomas Gottschalk ist übrigens wirklich so, wie er rüberkommt, wir haben nach der Sendung noch lange mit ihm gefestet», erzählt Gier. Für ihren sportlichen Erfolg und die Erlebnisse, die sie ihm verdanken, haben die Rorschacher Ruderer aber auch viel geopfert. Alle drei haben parallel zum Sport stets gearbeitet. «Mir wurde erst nach der Karriere bewusst, worauf ich verzichtet hatte. Einer der Bereiche Sport, Beruf und Sozialleben kommt immer zu kurz. Es schmerzte, das zu realisieren, als ich 2000 zurücktrat. Der Ausstieg aus dem Leistungssport ist hart und wird oft unterschätzt», sagt der gelernte Polymechaniker Gier. Seine Gefühlslage und Unstimmigkeiten mit dem Verband waren der Grund, weshalb er sich zwei Jahre völlig vom Rudern fern hielt.

...und jetzt doch wieder im Boot

Heute ist er aber wieder oft auf dem Wasser; er ist Juniorentrainer beim Seeclub Rorschach. Auch der frühere Lehrer Ueli Bodenmann, der heute eine eigene Ruderschule leitet, hatte nach seiner Karriere genug vom Rudern – oder dachte es zumindest. «Ich wollte zweimal davon wegkommen. Es war sinnlos. Rudern ist einfach mein Leben», sagt er, sichtlich zufrieden. Um Sieg und Niederlage geht es für Gier und Bodenmann auf dem Wasser indes heute nicht mehr. Für sie zählt die Freude am Rudern. Ganz nach dem olympischen Motto: Dabei sein ist alles.

Ueli Bodenmann.

Ueli Bodenmann.

Michael Gier. (Bilder: Corina Tobler)

Michael Gier. (Bilder: Corina Tobler)

Seoul 1988: Ueli Bodenmann (l. ) und Beat Schwerzmann gewinnen Silber im Doppelzweier. (Bild: Tagblatt-Archiv)

Seoul 1988: Ueli Bodenmann (l. ) und Beat Schwerzmann gewinnen Silber im Doppelzweier. (Bild: Tagblatt-Archiv)