RORSCHACH: Was ist Kultur den Nachbarn wert?

Trotz der überregionalen Ausstrahlung kommt die Stadt Rorschach allein für «Kultur im Pavillon» auf. Die Nachbarn wollen von einer direkten Beteiligung nichts wissen und verweisen auf die regionale Eventkasse.

Simon Roth
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Für Anlässe wie etwa "Kultur im Pavillon", die Menschen aus der ganzen Seeregion anziehen, kommen die Gastgebergemeinden meist selber auf. (Bild: Corina Tobler)

Für Anlässe wie etwa "Kultur im Pavillon", die Menschen aus der ganzen Seeregion anziehen, kommen die Gastgebergemeinden meist selber auf. (Bild: Corina Tobler)

Anlässe wie «Kultur im Pavillon» in Rorschach ziehen Leute aus der ganzen Seeregion an. Die Streichung der sonntäglichen Konzerte hat jüngst Empörung ausgelöst (Tagblattausgaben vom 21. und 26. Januar). Die Erregung ist auch dem Stadtrat nicht entgangen: «Viele Einwohner aus den Regionsgemeinden bedauern, dass am Sonntag keine Konzerte mehr im Pavillon am See stattfinden. An die Finanzierung der Anlässe tragen deren Gemeinden jedoch nichts bei», sagt Roger Böni, Stadtschreiber von Rorschach. In erster Linie seien die Konzerte ohnehin für Rorschacher gedacht.

Der Ball liege auch bei den beiden Nachbarsgemeinden, welchen Böni fehlende Solidarität unterstellt. In der Gemeinde Rorschacherberg trifft der Vorwurf einen Nerv. «Wir sind es leid, immer als jene dargestellt zu werden, die nichts bezahlen und nur profitieren», sagt Markus Fässler, Vizepräsident des Gemeinderats. Die Kulturförderung sei eine gute Sache und müsse geschehen. «Wir überweisen jedoch nicht aufs Geratewohl Geld an andere Gemeinden.»

Regionale Kulturförderung als Zankapfel
«Die Bevölkerung zu unterhalten zählt nicht zu den Kernaufgaben einer Stadtverwaltung», stellt Böni klar. Ohne das Engagement der Stadt wäre die Konzertreihe im Jahr 2016 ersatzlos eingegangen. Seitdem der Veranstalter, Niklaus Looser, sich als Organisator der Konzerte zurückgezogen hat, liege die Verantwortung bei einer Mitarbeiterin der Stadtverwaltung. «Wir sind offen, das Projekt wieder in private Hände übergeben zu können», sagt Böni.

In der Gemeinde Goldach stösst das Rorschacher Anliegen auf gewisses Verständnis. Es sei legitim, über die finanzielle Beteiligung an Kulturanlässe durch die Nachbargemeinden zu diskutieren, sagt Gemeindepräsident Dominik Gemperli. «Goldach bezahlt jährlich rund 9000 Franken in die regionale Eventkasse.» Der Beitrag dokumentiere die interkommunale Solidarität mit den Nachbargemeinden klar. Auch in Rorschacherberg nimmt man Bezug auf die Eventkasse, die Rorschach, Goldach, Rorschacherberg und Tübach füllen. Für Gemperli ist es eine Selbstverständlichkeit, dass grössere Gemeinden gewisse Zentrumslasten für die Nachbargemeinden tragen. «Diese Aussage trifft ebenso auf Goldach zu.»

Zentren tragen die Lasten der Region mit
Nicht nur in der Kultur kommt Zentren eine tragende Rolle zu, auch für Verkehr, Gesundheit oder Soziales haben sie erhöhte  Kosten zu tragen. Das Finanzausgleichsgesetz regelt die Umverteilung zwischen dem Kanton und den Politischen Gemeinden. «Eine zusätzliche Abgeltung zentralörtlicher Leistungen ist gesetzlich nicht vorgesehen», sagt Fässler. «Der Gemeinderat Rorschacherberg hat Rorschach gebeten, seine Leistungen zusammenzustellen, und welchen Betrag es von uns erwarten würde. Das gäbe zumindest eine Gesprächsgrundlage. Leider haben wir bis heute nichts erhalten.»

Laut Böni kann man die zentralörtlichen Leistungen der Stadt nicht in exakten Frankenbeträgen gegenrechnen. Die Stadt erbringe Leistungen wie Einkauf, Gewerbe, medizinische Versorgung, Naherholung, Freizeit, öffentlicher Verkehr auf engstem Raum und in Fussdistanz des Wohnortes. «Günstiger Wohnraum und die Anonymität einer Stadt ziehen nicht nur gute Steuerzahler an», bemerkt Böni. Die Stadt leide daher unter hohen Soziallasten und einer tiefen Steuerkraft. Zentralörtliche Leistungen könnten daher nur wirksam über den Finanzausgleich abgegolten werden.

Es müsse daher vermehrt projektweise zusammengearbeitet werden. «Wir müssen gemeinsam entscheiden, welche Anlässe zusammen realisiert werden sollen, und wer wie viel zahlt», sagt Böni. Bewährt habe sich insbesondere die gemeinsame Bundesfeier, deren Kosten zu je einem Drittel unter den drei Gemeinden Goldach, Rorschach und Rorschacherberg aufgeteilt werden. Diese Einschätzung findet Anklang: «Es soll gemeinsam bestimmt werden, welche Events wirklich stattfinden und über welchen Verteilschlüssel sie finanziert werden», sagt Fässler.