RORSCHACH: Start ins Reformationsjahr

Einst haben sie sich bekriegt, heute feiern sie zusammen: Mit einem ökumenischen Festgottesdienst eröffnen die evangelisch-reformierte und die katholische Kirche das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation.

Werner Nef
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Pius Helfenstein und Anna Maria Frei-Baum haben den Gottesdienst gestaltet. (Bild: Werner Nef)

Pius Helfenstein und Anna Maria Frei-Baum haben den Gottesdienst gestaltet. (Bild: Werner Nef)

Werner Nef

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Pfarrer Pius Helfenstein wollte den Jubiläumsgottesdienst zum 500-Jahr-Reformationsjubiläum am Sonntag bewusst nicht mit Schlagworten wie «Freiheit – darum reformiert» und ähnlichen Parolen feiern. Er wandte sich bescheiden dem Kern der Reformation zu. Die christliche Kirche befand sich vor 500 Jahre in einer ernsthaften Krise. Für den Augustinermönch Martin Luther in Erfurt gab es nur eine einzige Antwort: das Wort Gottes und seine direkte Begegnung. Gewiss löste dieses Ereignis, das der junge Luther lostrat, grossen Unfrieden, Gewalt und Leid in der christlichen Kirche aus. Darüber möchte Pfarrer Helfenstein heute nicht sprechen, sondern über den Segen, den die Reformation trotz ihrer Spaltung über die Christenheit brachte. Er sprach von: «Gott und sein Wort ist der Quell vom Heil, vom Segen, von den Früchten, welche die Reformation über unsere Welt gebracht hat.» Luther konnte auf dem Reichstag zu Worms vor dem Kaiser und den hohen Würdenträgern der Kirche nur sagen: «Hier stehe ich und kann nicht anders.»

Auch Anna Maria Frei-Braun von der Katholischen Kirche Region Rorschach verehrt einen Menschen, der wie Luther schon vor 2000 Jahren durch seine Bejahung zum Wort Gottes etwas Ausserordentliches geleistet hat. Maria hat auf die Anfrage Gottes, Jesu Christus zu gebären, mit Ja geantwortet und somit das Christentum begründet. Auch sie konnte wie 1500 Jahre später Luther nicht anders. Alles andere wäre auch für Maria Verrat an Gott gewesen. Anna Maria Frei schätzt als Katholikin die jeweiligen Stärken und Ressourcen, die in jeder Konfession wohnt. Sie rief deshalb die versammelte Festgemeinde auf: «Nähret euch davon, respektiert einander, lasst euch beschenken, sucht nach der Kraft im Eigenen, im Anderen, im Miteinander.»

Gemeinsam feiern statt Krieg führen

Für einen festlichen Rahmen sorgten das Gruber Bläsersextett und Ute Rendar. Nach dem Abendmahl waren alle Teilnehmer zu einem Apéro ins evangelische Kirchgemeindezentrum eingeladen. Dort wartete Wurst mit Bürli und ein «Luther-Bier» aus dem Toggenburg auf die Gäste. Eines hat dieser ökumenische Festgottesdienst am vergangenen Sonntag gezeigt: Wenn auch vor 500 Jahren die christliche Kirche auseinandergefallen ist, heute bekriegt man sich nicht mehr mit Waffengewalt, man kann sogar wieder friedlich zusammen feiern. Trotzdem dürfen die Gemeindemitglieder nicht übersehen, dass wir auch in der heutigen Zeit wieder in einer ernsthaften Krise stecken. Viele Menschen vergessen immer öfter den Baum, der uns «die süssen Früchte der Liebe Gottes offenbart», so ein weiteres Fazit des Festgottesdienstes. Immer mehr Menschen wenden sich von der Kirche ab. Es gibt dennoch viele junge Menschen, die Kraft und Halt fürs Leben in der Kirche suchen. Diese Leute helfen mit, die christliche Kirche weiterhin am Leben zu erhalten. Gut möglich, dass das Jubiläumsjahr die Konfessionen noch mehr zusammenschweisst und ihre Mitglieder vermehrt über das Wort Gottes nachdenken. Ein guter Anfang ist gemacht.