RORSCHACH: Multitasking im Operationssaal

Der Alltag von Chefchirurg Walter Brunner im Spital Rorschach ist vielfältig. Sechs Operationen pro Tag sind für ihn keine Seltenheit, der Zeitplan ist dicht. Da kann es schon einmal vorkommen, dass er während eines Eingriffs telefonieren muss.

Martin Rechsteiner
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Die Tagblatt-Serie «Zutritt verboten» blickt hinter verschlossene Türen – hier im Spital Rorschach. (Bild: Urs Bucher)

Die Tagblatt-Serie «Zutritt verboten» blickt hinter verschlossene Türen – hier im Spital Rorschach. (Bild: Urs Bucher)

RORSCHACH. Der OP-Saal im Spital Rorschach ist sein Reich: Walter Brunner ist dort der Leiter der Chirurgie. Seit fünf Jahren arbeitet er am Kantonsspital, am Standort St. Gallen leitet er zudem die Dickdarmchirurgie. Der 48jährige Familienvater mit klarem Blick und festem Händedruck erzählt mit ruhiger Stimme von seiner Arbeit. Sein Dialekt enttarnt den Österreicher. «Ich komme aus Salzburg», sagt er mit einem Lachen.

Brunner wirkt entspannt und ausgeruht, obwohl er am Vortag bis Mitternacht gearbeitet hat. «Heute werden es wohl wieder zwölf Stunden sein», sagt er gelassen. Sieben Operationen stehen an diesem Tag an. «Klar, dafür muss man seinen Job lieben», sagt Brunner. «Und mit dem Laufsport, den ich als Ausgleich betreibe, lassen sich strengere Wochen wie diese bewältigen.»

Tiefschlaf innert einer Minute

Der OP-Trakt befindet sich in einem der oberen Stöcke des Gebäudes. Zwei automatische Schiebetüren trennen ihn vom Rest des Spitals. Der Trakt scheint überschaubar – einige Türen und ein blauer Vorhang am Ende des Gangs. Gleich rechts neben dem Eingang gibt es Umkleideräume für Männer und für Frauen – dort steigt das Personal in die mintgrüne Spitalkleidung, setzt Kopfhauben auf, bindet Mundschutze um und tauscht Schuhe gegen Spital-Schlarpen. Gegenüber befindet sich ein kleiner Pausenraum mit Küche. Kühlschrank, Kochherd, Kaffeemaschine – alles da. Auf dem Tisch stehen Brot und Konfitüre für das Personal bereit, Sonnenschein flutet durch die hohe Fensterwand.

«Also gut, legen wir los», sagt Brunner und schreitet zurück in den Gang. Hinter dem blauen Vorhang befindet sich das OP-Vorzimmer. Material stapelt sich darin – in Kisten, auf Rollwagen und auf Tischen. Links und rechts an der Wand erstrecken sich lange, eiserne Lavabos. Darüber an der Wand, gleich neben den Spiegeln, sind Seifen- und Desinfektionsmittelspender mit den langen Hebeln, wie man sie aus dem Spital kennt, angebracht. Hier macht sich das Personal keimfrei für die Operation. Aus diesem Raum führen, vor den Lavabos, links und rechts Türen mit kleinen, quadratischen Guckfenstern in die beiden Operationszimmer.

In einem von beiden liegt der erste Patient bereits auf seinem Bett. Der Mann mittleren Alters liegt in Seitenlage, in Vollnarkose. Sechs Tumore wird Chefchirurg Brunner heute Morgen aus seiner Kopfhaut entfernen. «Keine komplexe Operation, die Tumore sind gutartig und somit ungefährlich», sagt er. Der Ästhetik und des Komforts wegen wolle sie der Patient jedoch entfernen lassen.

Am Körper des Mannes hängen Kabel und Schläuche. Das regelmässige Piepsen der Pulsoximetrie – des Herzfrequenzmessers – erfüllt den Raum. «Wir verabreichen den Patienten eine Mischung aus Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmitteln», sagt die Anästhesieärztin, die vor dem Gerät mit den Schläuchen sitzt. «Innerhalb einer Minute können wir damit jemanden in den Tiefschlaf schicken und innert rund zehn Minuten wieder sanft zurückholen.»

Brunner streift sich ein blaues Operationsgewand über, zieht Handschuhe an und setzt sich, zusammen mit einer Assistentin, ans Patientenbett. «Können wir?», fragt er die Anästhesieärztin und greift nach einem der Skalpelle, die fein säuberlich sortiert auf dem OP-Tisch bereitliegen. «Ja.» Der Chirurg arbeitet flink und präzise und strahlt dabei eine immense Ruhe aus. Jeder Griff sitzt. Gekonnt führt er das Skalpell, das er in der Hand hält wie einen Kugelschreiber. Nach wenigen Minuten ist der erste Tumor entfernt. Die beiden Operationsfachfrauen, die dem Chirurgen und seiner Assistentin während des Eingriffs zur Seite stehen, legen das entfernte Stück in ein mit Flüssigkeit gefülltes Fläschchen. «Die Tumore werden in ein Labor geschickt und untersucht, um sicherzugehen, dass sie nicht vielleicht doch bösartig sind.»

Ein Handy klingelt. «Ist es meins?», fragt Brunner. Eine Operationsfachfrau bejaht. «Wollen Sie ran?» – «Ja.» Die Fachfrau hält dem Chirurgen das Telefon ans Ohr, während dieser seelenruhig mit der Operation weiterfährt und gerade dabei ist, die Schnitte mit blauem Faden wieder zuzunähen. «Hallo Christian! Du hast Ultraschall gemacht, gell?» Brunner schneidet einen der Fäden durch und fädelt einen neuen in die Nadel ein, während er am Telefon weiterspricht. Zwischendurch flüstert er Anweisungen an seine Assistentin, die ebenfalls mit Nadel und Faden hantiert. «In Ordnung, ja, wir sehen uns, bis dann, tschüss Christian.» Nach knapp 30 Minuten ist die Operation geschafft. Alles scheint geklappt zu haben. Brunner murmelt dem Personal einige Anweisungen zu und verlässt eilig das OP-Zimmer. Im Gang spricht er mit seinem Oberarzt und setzt sich dann im Pausenraum vor einen Computer. Dort schreibt er den Operationsbericht und lädt ihn auf den Spital-Server. «Der Bericht ist ein genaues Protokoll der Operation. So können Ärzte und Pfleger jederzeit nachsehen, was mit dem Patienten gemacht wurde und was sein Status ist», sagt Brunner.

Gesunde Patienten und kleine Narben

Nach einer kurzen Pause ruft bereits die nächste Operation. Ein Bauchnabelbruch. Walter Brunner muss dem Patienten ein Kunststoffnetz von innen über das gebrochene Bindegewebe in der Bauchnabelregion legen – eine Sache von gut einer Stunde. «Dabei wenden wir unsere einzigartige Single-Port-Technik an», sagt Brunner stolz. Durch nur einen kleinen Schnitt am Bauch des Patienten wird der Eingriff mit Hilfe einer Kamera durchgeführt. «Dies ist für uns etwas aufwendiger, vom Eingriff zeugt aber später nur eine sehr kleine Narbe», erklärt Brunner. Das gleiche Ziel habe übrigens auch die «minimal invasive Dickdarmoperation» über den Nabel, in der das Kantonsspital St. Gallen weltweit führend sei.

Zwar stehe für den Chirurgen ganz klar die Gesundheit der Patienten an erster Stelle. «Für die Betroffenen ist es aber vor allem wichtig, eine möglichst kleine Narbe davonzutragen», sagt er mit hochgezogenen Augenbrauen und einem Schulterzucken. «Dafür sind diese sicheren Techniken ideal.»

Sechs Leute befinden sich während der nächsten Operation im Zimmer: Nebst Chirurg Brunner und zwei Assistenten zwei Operationsfachfrauen, eine Anästhesieärztin und eine Unterassistentin. Das Zimmer ist abgedunkelt. Einzig die beiden Bildschirme, auf denen die Operation en Detail zu sehen sein wird, sowie eine Taschenlampe erhellen den Raum. Brunner macht sich ans Werk – mit gewohnter Präzision. Bald sitzt das Kunststoffnetz am richtigen Ort, wo es einwachsen und das Gewebe stützen soll.

Dann muss er einen Schnitt im Bauch des Patienten zuzunähen. Mit einer Pinzette fädelt Brunner einen haardünnen Faden durch ein winziges Nadelöhr – in der Bauchhöhle. Dazu hat er nur das Bild auf den Schirmen über dem OP-Tisch zur Verfügung, aufgenommen von einer Kamera, die einer der Assistenten führt. Spätestens hier wird klar, wie ruhig die Hände eines Chirurgen sein müssen und wie viel Konzentration und Geschick während einer Operation nötig sind.

Auch dieser Eingriff klappt reibungslos. Wieder verlässt der Chirurg, einige Anweisungen murmelnd, hastig den Saal. Noch fünf Operationen bleiben für heute. Brunner freut sich.

Auch während einer Operation muss das Telefon nicht ruhen. (Bild: Urs Bucher)

Auch während einer Operation muss das Telefon nicht ruhen. (Bild: Urs Bucher)

Ein Bildschirm informiert Walter Brunner über laufende Operationen. (Bild: Urs Bucher)

Ein Bildschirm informiert Walter Brunner über laufende Operationen. (Bild: Urs Bucher)

Der Eingang zum OP-Trakt im Spital Rorschach. (Bild: Urs Bucher)

Der Eingang zum OP-Trakt im Spital Rorschach. (Bild: Urs Bucher)

Brunner schreibt das OP-Protokoll am Computer im Pausenraum. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Brunner schreibt das OP-Protokoll am Computer im Pausenraum. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))