RORSCHACH: «Die SP braucht ein Facelifting»

Viviane Schindler, Präsidentin der kantonalen Juso, überraschte gestern an der 1.-Mai-Feier im «Treppenhaus» mit einer angriffigen Rede. Dabei sparte sie nicht an Kritik; auch an der Linken.

Rudolf Hirtl
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Viviane Schindler nimmt bei ihrer Rede zum 1. Mai im «Treppenhaus» kein Blatt vor den Mund. (Bild: Rudolf Hirtl)

Viviane Schindler nimmt bei ihrer Rede zum 1. Mai im «Treppenhaus» kein Blatt vor den Mund. (Bild: Rudolf Hirtl)

Rudolf Hirtl

rudolf.hirtl@tagblatt.ch

Am Tag der Arbeit blickt Viviane Schindler, Präsidentin der Juso des Kantons St. Gallen, gestern bei ihrer Rede anlässlich der 1.-Mai-Feier der SP Rorschach Stadt am See auf die Erfolge der Linken in den vergangenen 50 Jahren zurück. Dennoch stellt die 21-Jährige im «Treppenhaus» auch die Frage, ob die Linke an diese Erfolgsgeschichte anknüpfen könne?

«Ich habe mir deshalb des Öfteren den Kopf zerbrochen, ob wir unsere Dogmen nicht überdenken müssen. Marx und Engels in allen Ehren, aber sind Klassenkampf und Arbeiterbewegungen noch aktuell? Ziehen wir die Wählerschaft an die Urnen mit Theorien über Produktionsmittel und dem Kampf gegen die Bourgeoisie? Oder brauchen wir nicht ein dringendes Facelifting unseres alternden Kapital-gegen-Arbeit-Mantras? Meiner Meinung nach brauchen wir das. Dringend. Denn für mich persönlich ist nicht die Bourgeoisie das eigentliche Problem, sondern wir selbst», so die Jungpolitikerin.

Ein Kampf gegen den eigenen Egoismus

In unserem privilegierten Land, auf unserem privilegierten Kontinent liege die Wurzel des ganzen Übels in uns selbst. Es sei unser eigener Egoismus. Für sie sei es nicht mehr ein Kampf der Klassen, sondern ein Kampf der Welten. Damit meine sie die riesige Kluft zwischen der 1. Welt und den Ländern der 3. Welt. Egal ob Handy oder der im Plastiksäckli verpackte Donut – das Allermeiste sei in einem 3.-Welt-Land produziert worden oder lande früher oder später dort auf Deponien. «Das ist nicht richtig. Und doch, bin ich mir bewusst, dass auch ich ebendiesen Fehler täglich begehe. Unser Egoismus und das Gedankengut, das mit ihm mitgetragen wird, sollte unser neuer Endfeind sein. Uns hier geht es so gut, wir wollen, dass dies so bleibt. Verständlich. Doch zu welchem Preis leben wir hier im Paradies auf Erden? Wir müssen dringend beginnen, uns einen Spiegel vorzuhalten, und uns unseres egozentrischen Verhaltens bewusst werden.»

Bei diesem Teufelskreis sei nicht bloss vom Handy oder dem Donut zu reden, mahnt Viviane Schindler weiter. Nicht nur Firmen wie Nestlé und Shell würden ihren Teil beitragen, auch unsere Finanzinstitute, Banken, ja sogar die Schweizerische Nationalbank mit fragwürdigen Investitionen auf Kosten Schwächerer. «Habt ihr gewusst, dass eure Pensionskassenbeiträge allenfalls indirekt Kriege mitfinanzieren? Und das ohne euer Wissen», so die Juso-Chefin. Bei den Bürgerlichen sei der Groschen diesbezüglich noch immer nicht gefallen. Von «Wer Waffen sät, wird Flüchtlinge ernten» habe die SVP wohl noch nie etwas gehört. Sie setze auf die Taktik der drei Affen und verschliesse einfach die Augen vor der Wahrheit, halte sich die Ohren zu und strafe alle, die etwas anderes behaupten, Lügen. Und so erstaune es wenig, dass ebendiese Bürgerlichen kaum einen Finger krumm machten, wenn es um eine Verbesserung im Asylwesen gehe.

Fair sein mit jenen, die weniger haben als wir

Und doch, so Schindler, sei sie auch von den Taktiken der Linken nicht immer überzeugt. Denn die Schweiz strebe eine Symptombekämpfung des Pro­blems an. «Doch was sollen wir tun? Nun, ich persönlich habe mir das Motto meiner Mutterpartei zu Herzen genommen. ‹Für alle statt für wenige.› Und genau das sollten wir alle tun. Fair zu sein mit all denen, die weniger oder eben nichts haben. Wir reichen Schweizerinnen und Schweizer, wir Europäerinnen und Europäer, wir die privilegierte 1.-Welt-Bevölkerung müssen lernen, was Verzicht bedeutet. Genau das bedeutet nämlich Fairness – Verzicht. Das ist das Zauberwort.»

Kleine Opfer seien für alle machbar und notwendig. Denn das beinhalte, links und solidarisch zu sein. Wenn sie mit ihren Worten den Einen oder die Andere zu einschneidenden Verzichten bewegen könne, sei sie dankbar. «Sagen wir unserem Egoismus den Kampf an. Für eine gerechtere Welt.»