«Rorschach braucht Jungpolitiker»

Seit Samstag hat die Hafenstadt eine neue politische Partei. Der 23jährige Rorschacher und Nationalratskandidat Yusuf Barman führt die Jungfreisinnigen Region Rorschach (JFRO). Der Weg der Jungpolitiker führt vorerst auf die Strasse, um Kontakt zur Bevölkerung zu knüpfen.

Corina Tobler
Drucken
Teilen

Herr Barman, was bedeutet es für Rorschach, dass es wieder eine regionale jungfreisinnige Partei hat?

Yusuf Barman: In der Region Rorschach waren Jungparteien bisher kaum aktiv. Dabei könnten sie viel bewegen. Weil weniger Bürokratie nötig ist als in den Mutterparteien, können wir rasch einmal anpacken. Wir können auch etwas frecher sein, uns mehr leisten.

Welche Ziele verfolgen die JFRO?

Barman: Wir sehen uns nicht nur als Partei für Junge, sondern vor allem als junge Partei für alle und möchten nicht nur national, sondern auch regional politisieren. Daher geht es in einer ersten Phase darum, mit der Bevölkerung in Austausch zu treten. Das Konzept dafür erarbeiten wir derzeit; es soll mehrere Standaktionen geben. Allenfalls sammeln wir auf Feedback-Zetteln Schlagwörter, die den Leuten ein Anliegen sind. Ein weiteres Ziel ist das Gewinnen neuer Mitglieder. Derzeit sind wir 13 Leute; bis Ende Jahr hoffen wir auf sicher sechs Neueintritte. Und zwar sollen es Mitglieder sein, die nicht einfach nur 40 Franken Jahresbeitrag zahlen, sondern wirklich mittun wollen.

Ihre Partei hat bereits vor der Gründung mit zwei Unterschriftensammlungen für die Initiative «No Billag» Präsenz markiert. Werden Sie diesen Weg weiterverfolgen?

Barman: Auf jeden Fall. Die Unterschriftensammlungen waren in zweierlei Hinsicht sehr erfolgreich. Erstens kamen 450 Unterschriften zusammen und zweitens haben uns an diesen zwei Tagen wohl gegen 2000 Leute bemerkt; mit vielen habe ich interessante Gespräche geführt. Für Anlässe wie Apéros fehlt uns auch das Geld, da müssten wir mit der FDP zusammenspannen. Für uns ist der Gang auf die Strasse vorerst zielführender, auch weil wir so ein grösseres Publikum erreichen als mit einem Parteianlass.

Haben Sie schon konkrete regionalpolitische Themen im Auge?

Barman: Wir waren mit der Vorbereitung der Gründung ausgelastet, haben aber zum Beispiel an der Rorschacher Bürgerversammlung Präsenz markiert. Wir wollen zwischen den National- und Kantonsratswahlen ein Konzept zu einem Thema entwickeln. Bereits intern diskutiert wurde, langfristig das Thema Radikalisierung anzugehen.

Wieso gerade dieses heikle Thema?

Barman: Ich bin selbst türkischstämmig und Moslem. Mir sind zwei Fälle von radikalisierten Moslems näher bekannt, einer davon ist jener des 21jährigen Arboners, der durch die Medien ging. Beide Männer waren in Kontakt mit dem Verein Mesjid Edâawa in Rorschach, der meines Wissens von der Denkweise her der deutschen neosalafistischen Bewegung zuzuordnen ist und den ich als gefährlich einstufe. Das Thema Radikalisierung ist heikel, aber ich denke, langfristig ist die Aufklärung darüber eine Pendenz für alle, die sich für die Rorschacher Jugend engagieren. Es ist aber auf jeden Fall eine Zusammenarbeit mit den Behörden nötig.

Apropos Zusammenarbeit. Welche Beziehung haben die JFRO zur FDP-Regionalpartei?

Barman: Ich habe als JFRO-Regionalpräsident einen Sitz in der regionalen Parteileitung der FDP. Mittlerweile arbeiten wir sehr gut zusammen. Anfangs hatten wir allerdings zu kämpfen – auch weil die frühere Jungfreisinnige Partei Rorschachs meines Wissens wenig aktiv war und dann im Sand verlief. Das, was wir bis jetzt erreicht haben, beeindruckt aber und auch für die Wahlen bin ich sehr zuversichtlich, unser Team ist engagiert.

Sie kandidieren selbst für den Nationalrat. Wie sind Sie zur Politik gekommen?

Barman: Ich wollte schon immer lieber mitmachen als zuschauen. Seit ich ein Teenager war, habe ich – teils unbewusst – auf eine politische Karriere hingearbeitet. So habe ich im Militär die Ausbildung zum Offizier absolviert und habe so Christoph Graf kennengelernt, den Kantonalpräsidenten der St. Galler Jungfreisinnigen. Seit zweieinhalb Jahren bin ich in der Feuerwehr Rorschach-Rorschacherberg aktiv, wodurch ich in der Region sehr gut vernetzt bin. Das Betriebswirtschaftsstudium an der HSG ist ebenfalls förderlich für einen Einstieg in die Politik.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen auf einen Sitz im Nationalrat ein?

Barman: Realistisch klein. Ich wurde von den St. Galler Jungfreisinnigen angefragt und bin so zur Kandidatur gekommen. Das freut mich natürlich. Irgendwann ist Bern mein Ziel. Jetzt geht es aber zunächst darum, meine Person und meine Partei bekannter zu machen. Eine Rorschacher Regionalpartei zu gründen, war schon seit meinem Eintritt in die kantonale Jungpartei geplant. Nun, als Nationalratskandidat, habe ich das quasi zu meinem Projekt gemacht.

Braucht es denn Jungpolitiker und was können sie erreichen?

Barman: Ja, Rorschach braucht Jungpolitiker. Sie können es schaffen, die Jungen für die Politik zu interessieren. Das ist schwierig und in Rorschach besonders, weil viele Junge einen Migrationshintergrund haben und sich eher für die Politik in ihrem Herkunftsland interessieren. Dazu kommt, dass fast zu viel gleichzeitig läuft – und es den Jungen zu gut geht, als dass Politik für sie wesentlich wäre.

Wie lange bleiben Sie Jungpolitiker?

Barman: Sicher noch einige Jahre. Ich fühle mich wohl bei den JFRO, zumal die Zeit in der Jungpartei sehr lehrreich ist. Man packt an, beweist Engagement und ist mit der Denkweise der Mutterpartei verwurzelt, wenn man dort einsteigt. Das wiederum macht einen vertrauenswürdig – für einen Politiker das Wichtigste.

Aktuelle Nachrichten