RORSCHACH: Auf schrägen Wegen

Ein bitterböser Zyniker, Elvis im Garten und der «grösste Luftballon aller Zeiten» – die schräge Stadtführung wird ihrem Namen gerecht. 150 Personen haben Rorschach am Samstag neu entdeckt.

Linda Müntener
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Ballonkünstler Tobi van Deisner gewinnt das Publikum mit skurrilen Tricks und mit Witz. (Bild: Linda Müntener)

Ballonkünstler Tobi van Deisner gewinnt das Publikum mit skurrilen Tricks und mit Witz. (Bild: Linda Müntener)

RORSCHACH. Wo's hingeht, weiss keiner. Wer dort auf die Gruppe wartet, ist ebenso nicht bekannt. Das Programm der schrägen Stadtführung durch Rorschach der Organisatoren Regina Nusch und Werner Müller ist jedes Jahr eine Überraschung. Und es ist jedes Jahr ein Publikumsmagnet. Etwa 150 Personen haben sich am Samstagabend auf dem Lindenplatz versammelt, um sich an skurrile Ecken und Unorte der Hafenstadt führen zu lassen.

Fernsehprogramm auf Drogen

Die Menschenmasse setzt sich in Bewegung. In einem Hinterhof der Reitbahnstrasse wartet der erste Künstler. Es ist Matto Kämpf, Schriftsteller und Kabarettist aus Bern. Er erzählt absurde Geschichten, gespickt mit viel schwarzem Humor. Etwa jene, wie die «Ur-Murmeltiere» in sieben Tagen die Berge erschaffen haben: «Am fünften Tag mussten sie scheissen, so ist St. Moritz erstanden.» Kämpf liest den Teilnehmern auch Familienanekdoten vor. So habe sein Grossvater, als die ersten russischen Touristen nach Grindelwald kamen, gesagt: «Als Armee wären sie mir lieber, weil man sie in dieser Form abschiessen dürfte.» Und seiner Urgrosstante sei es im Altersheim in Reichenbach so extrem langweilig gewesen, dass sie abends vor dem Fernseher alle Drogen ausprobiert habe. «SF-Meteo auf LSD seg no iidrücklich», sagt Kämpf lakonisch. Genügend Kokain mache sogar den «Kassensturz» interessant. «Aber leider gäng Äschbacher nümä ohni Heroin.» Kämpfs Texte sind herrlich makaber und komisch. Der Autor gibt sie in einer unaufgeregten Art wieder, welche die Absurdität der Inhalte unterstreicht.

Den «King» aufleben lassen

Weiter geht's Richtung Neustadtstrasse. Die Gruppe biegt ab, als von weitem Musik zu hören ist. Und siehe da, im privaten Garten des neuen «Fuchsschwanz»-Wirtes René Inauen steht Elvis-Imitator Marcus C. Held. Im aufwendigen Glitzerkostüm, neben Holzkohlegrill und Sonnenschirmständer, lässt der Tübacher den King of Rock 'n' Roll aufleben. Dabei flirtet «Marcus C. King» in Elvis-Manier mit seinem Publikum. Dieses summt und wippt begeistert mit. Der Auftritt ist auch für den Künstler etwas Besonderes. «Ein solch spontanes Publikum hatte ich noch nie», sagt er. Für dieses geht's nach einer Zugabe weiter. Die Teilnehmer schlendern an den «Stadtwald»-Hochhäusern vorbei, wo zwei Jäger mit Gewehr freundlich grüssen. Angekommen auf dem Areal des Kindergartens Neustadt, werden die Teilnehmer mit einem liebevoll angerichteten Apéro empfangen. Mit von der Partie ist wieder Matto Kämpf. Der Kabarettist weiss auch gleich eine zum Essen passende Geschichte zu erzählen: von einem Spital, das mit den Auswürfen seiner Patienten die cremigsten Crèmeschnitten herstellt. Das Publikum schwankt zwischen Lachen und Grauen.

Ballonkünstler mit Witz und Charme

Herzlich gelacht wird dann an der letzten Station der etwas anderen Stadtführung. Auf dem ehemaligen Areal der Studer AG Futtermühle steht der deutsche Ballonkünstler Tobi van Deisner bereit. Er hat nicht nur verblüffende Ballon- und Zaubertricks im Gepäck. Der Künstler besticht durch seine freche, aber charmante Art, mit der er sofort einen Draht zu seinen Zuschauern findet. So gelingt es ihm mühelos, dass sich alle Teilnehmer als «Freiwillige» für seine Nummer melden. Die Karte seiner Assistentin findet der Zauberer nach einem witzigen Hin und Her gekonnt. Sie befindet sich im «grössten Luftballon aller Zeiten». Um an sie zu gelangen, wagt sich van Deisner selber in den überdimensionalen Ballon. Und spätestens als er darin zu aufgedrehter Musik auf dem Industrieareal herumhüpft, wird er dem Namen des Anlasses gerecht. Anders, überraschend – schräg eben.