RORSCHACH: Angekommen und geblieben

Vor 30 Jahren ist Luca Tempesta ohne ein Wort Deutsch und ein paar Lire im Sack in die Schweiz gekommen. Heute ist er selbstständig und schneidet unter anderen FCSG-Torhüter Daniel Lopar die Haare.

Rudolf Hirtl
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FCSG-Goalie Daniel Lopar ist in guten Händen: Millimetergenaue Bartkonturen sind eine Spezialität von Luca Tempesta. (Bild: Urs Bucher)

FCSG-Goalie Daniel Lopar ist in guten Händen: Millimetergenaue Bartkonturen sind eine Spezialität von Luca Tempesta. (Bild: Urs Bucher)

Rudolf Hirtl

rudolf.hirtl@tagblatt.ch

Luca Tempesta sprintet los. Er überspringt Strohballen, klettert über Hügel, durchkriecht Betonröhren, springt ins eiskalte Wasser und watet bis zur Brust eingesunken durch Schlammlöcher. Nach knapp eineinhalb Stunden, 50 überwundenen Hindernissen und 18 absolvierten Kilometern kommt er ins Ziel. Durchgefroren, durch und durch dreckig, aber glücklich. Beim Survival Run in Thun, der meist bei garstigen Temperaturen jeweils im März stattfindet, taucht der Rorschacher Coiffeur zusammen mit den Sportlern des Goldacher Judoclubs Tadashi in eine völlig andere Welt, weit weg vom Alltag.

«Ich bin dankbar für dieses Teamerlebnis. Es ist fantastisch, die eigenen Grenzen auszuloten, diese sogar zu sprengen und gemeinsam ins Ziel zu kommen», sagt er in noch immer leicht gebrochenem Deutsch, das seine Herkunft erahnen lässt. Der 45-Jährige ist in Sannicola bei Lecce aufgewachsenen. In der Schweiz ist er seit 1990, als ihn Coiffure Di Pane nach Rorschach holte. Dieser wollte einen «echten» Italiener in seinem Salon haben, der den unverwechselbaren italienischen Schnitt beherrscht.

Kontakte durch Arbeit und Vereinsleben

Für den Immigranten aus Apulien war der Umzug in die Schweiz ein Sprung ins kalte Wasser. Die Sechziger, in denen man die Italiener hier noch mit gerümpfter Nase «Tschingge» schimpfte, waren zwar schon vorbei, und die Südeuropäer sind schon längst unsere Lieblingsausländer. Doch ohne ein Wort Deutsch und nur ein paar Lire in der Tasche stand er nach einer langen Bahnfahrt im nebligen Rorschach. Die vielen Kundenkontakte bei der Arbeit und sein frühes Engagement beim Karateklub Polimeno haben ihn am Bodensee aber rasch heimisch werden lassen. Es dauerte denn auch nur drei Jahre ehe er hier seine erste Liebe fand. Mittlerweile ist er Vater zweier erwachsener Töchter und eines Sohnes (7).

Nicht nur dies, aus dem 19-Jährigen, der mit Schere und Kamm in die Schweiz reiste, ist ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Seit 15 Jahren schneidet, frisiert und rasiert er im eigenen Coiffuresalon, im «Da Luca» an der Signalstrasse in Rorschach, auf eigene Faust. Den Schritt in die Selbstständigkeit hat Luca Tempesta nie bereut, auch wenn ein Mehr an Arbeit damit verbunden ist. Dazu ist seine Begeisterung für diesen Beruf viel zu gross. Schon als achtjähriger Bub hat er seinen Vater rasiert und bei einem Figaro sein erstes Taschengeld verdient. Er hat eine Leidenschaft entwickelt, die ihn bis heute gefangen hält und die ihn nicht mehr loslässt.

Nicht mehr losgelassen hat ihn auch Rorschach, denn er fühlt sich wohl hier, auch wenn er seiner Heimat in Apulien, wo Eltern und Geschwister leben, regelmässig Besuche abstattet. Hier am Bodensee sind um diese Jahreszeit bereits die ersten Nebelfetzen zu sehen und der erste Kälteeinbruch wird auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Möchte er in solchen Momenten nicht lieber Sonne und Meer in Italien geniessen? «Heimat ist dort, wo das Herz lacht, nicht nur die Sonne», sagt Luca Tempesta mit einem Schmunzeln. Und sein Herz lache hier ebenso wie in ­Italien. «Ich geniesse selbstverständlich jeweils die Zeit bei meiner Familie in Apulien. Ich komme aber auch immer sehr gern zurück nach Rorschach. Ich mag die Jahreszeiten hier am Bodensee. Jede hat ihren eigenen Reiz. Am Meer können Wintermonate zudem ganz schön trostlos sein.»

Auch Daniel Lopar mag die Haare schön

Im Salon an der Signalstrasse ist es denn alles andere als trostlos. Die typische italienische Lebensfreude ist beinahe greifbar. Es ist ein Stimmengemisch aus Italienisch und Deutsch, unterbrochen nur von herzhaftem Lachen und durchzogen vom Klappern der Scheren. Längst nicht alle, die sich im Salon aufhalten, möchten sich die Haare schneiden lassen. Ein schneller Kaffee, ein kurzer Schwatz, der Salon ist auch ein bisschen «la cicchetteria». Auch Daniel Lopar, Torhüter des FC St. Gallen, geniesst dieses Little Italy. «Ich schätze einerseits die hohe Qualität bei Luca und natürlich auch dieses typisch italienische Ambiente», sagt St. Gallens Nummer eins und nippt am Espresso. Und was, wenn Luca Tempesta doch ein wenig das Heimweh plagt? «Dann gönne ich mir eine Pizza im Fontana bei Michele oder ein Gelato bei Romolo im La Vela.»

Tag der offenen Tür

Über Besuch freuen sich Luca Tempesta und seine zwei Angestellten am Samstag, 9. September. Dann wird im Salon «Da luca» das fünfzehnjährige Bestehen gefeiert und jedermann ist eingeladen, von 7.30 bis 16 Uhr ein wenig Italien zu inhalieren.

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