RORSCHACH: Anfang 20 und Zeugin Jehovas

Viele kennen sie vom Sehen, haben aber noch nie mit ihnen gesprochen. Die Rede ist von den Zeugen Jehovas. Deren Mitglieder sind immer wieder in der Hafenstadt anzutreffen. Zeit, sie einmal etwas näher kennenzulernen.

Alessia Pagani
Merken
Drucken
Teilen
Raphaela Hohl (links) und Letizia Carnovale sind regelmässig mit ihrem Trolley in der Hafenstadt unterwegs und verteilen Lektüre. (Bild: Alessia Pagani)

Raphaela Hohl (links) und Letizia Carnovale sind regelmässig mit ihrem Trolley in der Hafenstadt unterwegs und verteilen Lektüre. (Bild: Alessia Pagani)

RORSCHACH. Fast wöchentlich stehen sie da mit ihrem Trolley und warten auf Interessenten. Mal trifft man sie am Rorschacher Hafen oder auch bei der Signalstrasse. Im Gepäck haben sie Lektüre zur Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas. Sie verstehen sich in der Tradition des Christentums und halten sich in ihrem Alltag strikte an die Bibel. Doch wer steckt eigentlich hinter diesen jungen Gesichtern? Wie leben die Mitglieder der Zeugen Jehovas, und welche Absicht haben sie? Im Alltagsgespräch zeigt sich schnell: Es sind normale Menschen, Berührungsängste sind fehl am Platz. Sie stehen mitten im Leben, sind Coiffeusen und Sekretärinnen, Mütter und Freundinnen.

Mit Herz bei der Sache

«Wir sehen es als unseren Auftrag an, die Bibel den Menschen näherzubringen und Gottes Worte umzusetzen», sagt Raphaela Hohl. Die 37jährige Mutter einer Tochter trägt moderne Kleidung und wirkt vif und interessiert. Sie versucht im normalen Gespräch nicht, ihren Interviewpartner zu bekehren, ebenso wenig ihre Begleiterin Letizia Carnovale. «Gott will, dass alles, was man macht, von Herzen kommt», sagt Raphaela Hohl. Wer bei einer Sache nicht mit dem Herzen dabei sei, könne etwas nicht richtig machen, so die Meinung der Zugerin, die seit fünf Jahren in Rorschach wohnt. Jemandem etwas aufzudrängen, sei daher komplett falsch. Sie hätten sich schliesslich auch bewusst für diese Religion entschieden. Denn: Bei den Zeugen Jehovas gibt es keine Kindestaufe. «Erst später, wenn man sich über das Leben und die Religion bewusst ist, wird man ein aktiver Zeuge Jehovas», sagt Raphaela Hohl. «Dann weiss man auch, was man will und was für einen richtig ist.»

Die beiden machen, wie alle Mitglieder der Zeugen Jehovas, ihre Arbeit auf freiwilliger Basis, opfern für die Informationsveranstaltungen und die Rundgänge von Tür zu Tür ihre Freizeit. «Viele denken, wir machen nur das, das stimmt nicht. Wir machen das neben unserer Arbeit», sagt die 23jährige Letizia Carnovale aus Freidorf, die in einem 60-Prozent-Pensum einer Büroarbeit nachgeht. Schliesslich müsse auch der Lebensunterhalt verdient werden.

Rundgänge sind Auftrag

Wenn die beiden mit dem Trolley unterwegs sind – je nach Wetter jeden Freitag und Samstag – sprechen sie die Passanten nicht gezielt an. «Wir lassen sie den ersten Schritt machen. Die Menschen kommen auf uns zu, wenn sie denn wollen», sagt Raphaela Hohl. Anders bei den Rundgängen von Tür zu Tür: «Viele Leute kennen uns und wissen schnell, um was es geht», sagt Letizia Carnovale. Enttäuscht, dass sie meist nicht einmal den Begrüssungssatz fertigsprechen können, bevor ihnen die Türe wieder vor der Nase zugeschlagen wird, sind die beiden nicht. «Wir sehen diese Gänge einfach als Auftrag an und nehmen dieses Verhalten nicht persönlich», sagt Letizia Carnovale. «Wir respektieren jede Antwort. Vielleicht haben die betreffenden Personen ja gerade viel um die Ohren, und dann kommen da zwei und wollen mit einem über die Religion sprechen. Wir verstehen, dass manche Menschen abweisend sind.» Warum tun sich solch junge Menschen, die mitten im Leben stehen, so etwas an? «Wir kennen es nicht anders», sagt Letizia Carnovale. Beide sind in Familien aufgewachsen, in denen der Glaube der Zeugen Jehovas gelebt wird. «Wir sind also hineingewachsen. Aber: Wir machen das aus innerer Überzeugung.» Nur wer diese hätte, könne auch den Glauben weitergeben und vor Menschen predigen. «Ansonsten könnte ich gar nicht zu den Leuten an die Türe», sagt Carnovale. Dort will sie den Menschen Antworten geben: «Mir beantwortet der Glaube viele Fragen nach dem Sinn. Es ist schade, dies nicht mit anderen zu teilen. Dass heute so viele Menschen nach Antworten suchen, treibt mich an.»