Richtig teuer sind nur drei Gassen

Die hohen Mieten in der St.Galler Innenstadt vertreiben die Geschäfte. Teuer sind Ladenlokale dort, wo die Fussgänger sind. Und diese bewegen sich im immer gleichen Dreieck. Ausserhalb davon sind Ladenlokale um zwei Drittel günstiger.

Elisabeth Reisp
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Dieses leerstehende Geschäft an der Neugasse befindet sich an der teuersten Lage in der St. Galler Innenstadt. (Bild: Benjamin Manser)

Dieses leerstehende Geschäft an der Neugasse befindet sich an der teuersten Lage in der St. Galler Innenstadt. (Bild: Benjamin Manser)

Wer in der St.Galler Innenstadt ein Geschäft betreiben will, hat vor allem für happige Mieten aufzukommen (Tagblatt von gestern). Im Internet provozierte die Geschichte scharfe Leser-Kommentare. Etwa, dass die Vermieter einfach viel zu gierig seien.

Tatsächlich sind die Mieten aber vor allem an jenen Orten sehr hoch, wo auch die Fussgängerfrequenz hoch ist. Gemäss Thomas Eigenmann, Geschäftsleiter des Hauseigentümerverbandes St. Gallen, ist dies nur im «inneren Dreieck» der Fall. «Neugasse, Multergasse und Marktgasse sind absolute Top-Lagen.» Ausserhalb dieses Dreiecks fallen Fussgängerfrequenzen und Mieten drastisch.

«Flagship-Store» um jeden Preis

An dieser Toplage in der Innenstadt liege der Richtwert bei 1500 Franken pro Quadratmeter und Jahr. Dieser Preis gelte für Ladenlokale im Erdgeschoss mit Schaufenster. «Mittlerweile werden hinter vorgehaltener Hand aber bereits 2000 Franken pro Jahr und Quadratmeter geboten», sagt Eigenmann. Vor allem Unternehmen, die einen sogenannten «Flagship-Store», einen «Vorzeigeladen», eröffnen, zahlen diesen Preis (Kasten).

Dieses Phänomen tritt nur in diesen drei Gassen auf. Die Spisergasse etwa gehöre bereits nicht mehr zur «absoluten Toplage erster Klasse». Pro Quadratmeter und Jahr zahlen die Geschäfte hier gemäss Eigenmann zwischen 350 und 700 Franken. Unten beim Spisertor-Kreisel sei es dann noch einmal weniger.

Experten attestieren der St.Galler Innenstadt grosses Potenzial. Thomas Rudolph ist Professor am Forschungszentrum für Handelsmanagement an der Universität St.Gallen, seine Schwerpunkte sind Kauf- und Konsumverhalten. Die Innenstadt sei nicht nur gut frequentiert, sondern für Schweizer Verhältnisse auch gross. Die derzeitige Entwicklung in der Innenstadt findet aber selbst er für einige Händler «besorgniserregend». Die angespannte Situation ist nicht nur dem starken Franken geschuldet, sondern auch dem Online-Einkaufstourismus, den viele unterschätzen. Rudolph kritisiert aber auch die Konzepte der Geschäfte. «Einkaufen muss heute Erlebnischarakter haben.» Als gute Beispiele nennt er den Nespresso-Store oder der Zigarrenladen im Neumarkt mit Raucherlounge.

Dass die Einkaufszentren auf der grünen Wiese verstärkt die Kunden aus der St.Galler Innenstadt locken, glaubt Rudolph nicht. «Die Einkaufsgewohnheiten der Schweizer zu ändern, dauert sehr lange.» Die Shopping-Arena habe fast zehn Jahre gebraucht, um Fuss zu fassen. «Eine Innenstadt hat immer gute Chancen, wenn die Mieten nicht allzu hoch sind und sich gute Händler in ihr niederlassen.»

Gewerbeverband greift nicht ein

Der Gewerbeverband St.Gallen beobachtet die Situation in der Innenstadt sorgenvoll. «Wir haben aber keine Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen und wollen dies im freien Markt auch nicht», sagt der Geschäftsführer Felix Keller. Hier spiele der Markt, denn die Liegenschaftenbesitzer sind Private. «Selbstverständlich wünschen wir uns ein abwechslungsreicheres Einkaufsangebot», sagt Keller. Dies würde die Altstadt stärken und beleben. «Ein Patentrezept dafür gibt es nicht.» Keller hofft auf den Innovationsgeist der Detaillisten. «Sonst stirbt die Innenstadt aus.»

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