Richtig sterben lernen

Claudia Buess-Willi ist Stelleninhaberin der städtischen Koordinationsstelle Palliativ Care. Sie vernetzt Menschen, die mit Sterbenden zu tun haben. Damit diese zu Hause sterben können.

Daniel Klingenberg
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«Ich bin überzeugt, dass es sinnvoll ist, das Sterben als Prozess zu erleben», sagt die Pflegefachfrau Claudia Buess-Willi. (Bild: Ralph Ribi)

«Ich bin überzeugt, dass es sinnvoll ist, das Sterben als Prozess zu erleben», sagt die Pflegefachfrau Claudia Buess-Willi. (Bild: Ralph Ribi)

«Ich glaube, dass alle Menschen das Potenzial haben, sich zu wandeln», sagt Claudia Buess-Willi. Und diese Fähigkeit ist für die 51jährige Pflegefachfrau mit einem Master in Palliative Care gerade dann gefragt, wenn es um das Ende des Lebens geht. Dann, wenn Menschen immer ein Stück mehr ihrer Selbständigkeit verlieren: bei der Körperpflege, der Mobilität, der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Aus ihrer Berufserfahrung, unter anderem auf der Palliativstation des Kantonsspitals, sagt sie: «Viele Menschen kommen in eine Krise, wenn sie die Selbständigkeit verlieren.» Gleichzeitig möchten laut einer Studie 80 Prozent der Menschen zu Hause sterben.

Eine 30-Prozent-Stelle

Damit dies möglich ist, braucht es die Fähigkeit zur Wandlung, zur schrittweisen Annahme des eigenen Schicksals. Und es braucht die Unterstützung in Form von Palliative Care. Der Fachbegriff, der übersetzt etwa bedeutet, jemandem zur Pflege sorgfältig einen Mantel anzubieten, umschreibt die Begleitung und Pflege von todkranken Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt.

Damit diese Aufgabe in St. Gallen mehr und mehr wahrgenommen wird, hat die Stadt zunächst für eine dreijährige Pilotphase eine 30-Prozent-Koordinationsstelle Palliative Care eingerichtet. Claudia Buess-Willi hat diese Stelle seit Anfang Jahr inne, ihr Büro hat sie in St. Fiden.

Eine der Aufgaben von Claudia Buess-Willi ist die Vernetzung aller Personen, die mit todkranken, zu Hause lebenden Menschen zu tun haben. Das sind einerseits die Fachkräfte von Spitex, Pflegeheim, Seelsorge und Sozialarbeit, Freiwillige vom Hospizdienst sowie die Hausärzte. In Absprache mit diesen Gruppierungen gilt es, Konzepte und Schulungen auszuarbeiten, mit dem Ziel, dass alle denselben Standard in Palliative Care haben. Dabei geht es beispielsweise darum, wie zu reagieren ist, wenn ein todkranker Mensch Atemnot oder starke Schmerzen hat. Andere Bereiche ihrer Arbeit sind die Vernetzung zwischen Freiwilligen und Fachkräften sowie das Ausarbeiten von Konzepten für die Spitex-Organisationen. Schliesslich gehört auch die Öffentlichkeitsarbeit zu ihren Aufgaben, um das Thema Palliative Care der Bevölkerung bewusst zu machen. Ein Beispiel dafür ist der Film «Zu Ende leben» im Kinok (siehe Kasten).

Was ist mit Exit?

Palliative Care ist ein schweizweites Anliegen und auf Vereinsebene organisiert. Neben dem Verein Palliative Care Schweiz gibt es eine Ostschweizer Sektion sowie lokale Vereine. So ist die Koordinationsstelle vom Verein Forum Palliative Care Stadt St. Gallen getragen, finanziert wird sie von der Stadt.

Parallel zum Ausbau von Palliative Care hat die Sterbehilfeorganisation Exit hohen Zulauf. Was denkt Claudia Buess-Willi darüber? «Ich respektiere, wenn ein Mensch mit Exit sterben will. Ich bin aber überzeugt, dass es sinnvoll ist, das Sterben als Prozess zu erleben und dafür Unterstützung anzubieten.»

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