Richtig essen will gelernt sein

RORSCHACH. Wer sich wahnhaft gesund ernährt, leidet unter Orthorexia nervosa – eine Vorstufe einer Essstörung. Eine orthorektische Person zu erkennen ist schwierig. Das sagt die Rorschacher Ernährungsberaterin Annelie Scheifele.

Janique Weder
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Gesundes Essen an sich schadet nicht. Krankhaft sei das Essverhalten dann, wenn sich im Leben alles nur noch um die Ernährung drehe, sagt Ernährungsberaterin Annelie Scheifele. (Bild: Valérie Hug)

Gesundes Essen an sich schadet nicht. Krankhaft sei das Essverhalten dann, wenn sich im Leben alles nur noch um die Ernährung drehe, sagt Ernährungsberaterin Annelie Scheifele. (Bild: Valérie Hug)

Gemüse und Früchte sind gesund. Fünf Portionen pro Tag sollen es sein. So will es die Krebsliga Schweiz. Gesund lebt auch, wer Lebensmittel aus der Region kauft, die bio sind und weder Geschmacksverstärker noch Konservierungsstoffe enthalten. So weit, so gut.

Man kann sich einer gesunden Ernährung aber auch zu sehr verschreiben – das Phänomen nennt sich Orthorexia nervosa (Focus vom 22.8.). Während die einen bestreiten, dass Orthorexie überhaupt existiert, ist es für die anderen eine Krankheit.

Gesundes Essen über alles

Doch wann ist die Beschäftigung mit der eigenen Ernährung noch normal, wann wird es krankhaft? «Krankhaft wird es dann, wenn sich das ganze Leben nur noch ums Essen dreht», sagt Annelie Scheifele, Ernährungsberaterin aus Rorschach und Inhaberin der «Praxis im Zentrum». So würden orthorektische Menschen ihrer Ernährung alles andere unterordnen – und seien oft immun gegen kritische Stimmen. Jemand als orthorektisch einzustufen ist jedoch schwierig: Der Übergang von normal zu krankhaft sei fliessend, sagt Annelie Scheifele.

Tatsache ist laut der Expertin aber, dass ein Wandel im Bewusstsein der Menschen stattfindet. «Ich beobachte eine neue Haltung, eine moderne Einstellung gegenüber der Ernährung.» Wo früher Personen über ihren Hausarzt den Weg in ihre Praxis gefunden hätten, kämen heute mehr Freiwillige. «Die Leute wollen eine professionelle Beratung.»

Gut lebt, wer gut isst

Woran liegt es, dass sich immer mehr Menschen intensiv mit ihrer Ernährung beschäftigen, sich beraten lassen – und für diese Beratungen nicht selten eine stolze Geldsumme zahlen? «Viele Kinder lernen zu Hause nicht mehr, was gute Ernährung eigentlich bedeutet», erklärt Annelie Scheifele. Dementsprechend wollen sie später diese Wissenslücke schliessen. «Viele junge Paare kommen zu mir, um zu erfahren, wie sie sich und ihre künftige Familie richtig ernähren können.»

Ein weiterer Grund liegt laut der Rorschacherin in dem veränderten Bewusstsein von Menschen: «Das höchste Ziel ist eine gute Lebensqualität:» – und da gehört eine gesunde Ernährung ebenso dazu wie privates Glück oder finanzielle Sicherheit.

Annelie Scheifele (Bild: Janique Weder)

Annelie Scheifele (Bild: Janique Weder)