«Respekt, aber keine Angst»

HORN. Sprengmeister der Geo Rock AG haben gestern 46 Bohrlöcher mit 5,5 Kilo Gelatinesprengstoff gefüllt. Kurz nach 16 Uhr wurde die Ladung gezündet und die Zwillingskamine auf dem Raduner-Areal in Horn sackten wie geplant zur Seite.

Rudolf Hirtl
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Marco Zimmermann Sprengfachmann, Weisslingen (Bild: rtl)

Marco Zimmermann Sprengfachmann, Weisslingen (Bild: rtl)

Köbi Keller ist bereits pensioniert und könnte zu Hause in der warmen Stube gemütlich die Füsse hochlegen. Doch gestern vormittag steht er mit von der Kälte klammen Fingern zehn Meter über dem Boden im Arbeitskorb einer Hebebühne und verbindet rosaroten Gelatinesprengsoff mit Zündern und Kabeln und schiebt ihn anschliessend mit einem Stock in eines der Bohrlöcher. Zwischendurch nimmt er einen Plan zur Hand und streicht seine Arbeitsgänge Schritt für Schritt ab.

Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
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Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)
Bild: Hardy Buob
Bild: Rudolf Hirtl
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Sprengung der Zwillingskamine auf Raduner-Areal (Bild: Urs Bucher)

«Wir müssen alles dokumentieren, damit wir die Ursache eruieren können, falls etwas schief geht.» Bei bisher 45 Kaminsprengungen war dies allerdings noch nie nötig. «Das einzige, was unplanmässig zu Bruch ging, war eine Fensterscheibe», sagt der Sprengmeister mit einem Schmunzeln und schneidet eine der Sprengstoffkapseln in der Mitte durch.

Handy bleibt ausgeschaltet

Spätestens in diesem Moment stösst der Schreiberling ein kurzes Stossgebet gegen Himmel. «Respekt ja, aber keine Angst, sonst kann man diesen Job nicht machen», sagt Keller auf die Frage, ob er keine Angst habe, der Sprengstoff könnte ihm zu früh um die Ohren fliegen. Ein Restrisiko sei vorhanden, räumt er seelenruhig ein. Auch wenn er dies als sehr klein bezeichnet, lässt er sein Handy während der Arbeit ausgeschaltet, zumal die Sprengkapseln elektrisch gezündet werden. Kein Wunder also, dass beim Umgang mit dem Sprengstoff nur Ladestöcke und Werkzeuge verwendet werden, bei denen Funken und gefährliche elektrostatische Aufladung nicht entstehen können. Und bei aufziehendem Gewitter dürfen Sprengladungen schon gar nicht mehr mit Zündern versehen werden.

Köbi Keller wirkt bei der Präparierung der Sprenglöcher ungemein gelassen. Er arbeitet ohne Hektik und lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen, schon gar nicht von gestikulierenden Bauführern.

46 Sprengladungen

Diese Abgeklärtheit und die grosse Erfahrung von Köbi Keller sind es auch, die die Geo Rock AG aus Weisslingen laut Marco Zimmermann auf die Dienste des Sprengmeisters im Ruhestand zurückgreifen lassen. «Für die Anzahl der Bohrlöcher und die Bohrlochabstände ist die Wandstärke der Kamine massgebend», sagt Zimmermann. In diesem Fall seien dies 24 und 22 Bohrlöcher, gesamt also 46 Sprengladungen. Um die Zündfolge zu steuern, würden unterschiedlich lange Sprengzünder verwendet. Als die Vorbereitungsarbeiten gestern kurz nach 14 Uhr abgeschlossen sind, stecken nicht weniger als 5,5 Kilo Sprengstoff in den Kaminen.

Der grössere der beiden Kamine war 40 Meter hoch, hatte einen Umfang von knapp elf Metern und war 250 Tonnen schwer. Der Zwilling war zwei Meter kürzer, hatte einen Umfang von neun Metern und war 220 Tonnen schwer. Je zwei seitlich herausgefräste Fallschlitze garantierten laut Sprengmeister Köbi Keller, dass die «Twin-Towers» gestern auch wie vorgesehen in den Innenraum des Abbruchareals stürzten.

Auch wenn bei den Sprengfachleuten der Geo Rock bis anhin noch kein Kamin in die falsche Richtung fiel, wurde gestern fünf Minuten vor der Sprengung, also um 16.05 Uhr, der Verkehr auf der Verbindungsstrasse Rorschach – Arbon aus Sicherheitsgründen für einige Minuten angehalten.

Sentimentale Angelegenheit

Eines der Highlights in der Karriere von Köbi Keller war die Sprengung des Stadions Wankdorf in Bern, wo 1954 das Endspiel der Fussball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Ungarn (3:2) stattfand, das als Wunder von Bern in die Fussballgeschichte einging. «Viele deutsche Touristen sassen auf der Tribüne, als wir dort die Sprengung vorbereiteten und wollten sich diesen geschichtsträchtigen Ort vorher noch einmal ansehen», erinnert sich Keller. Bei der Sprengung selbst seien alle bekannten deutschen TV-Sender live vor Ort dabei gewesen. Am extremsten war die Arbeit auf dem Malojapass. Bei minus 26 Grad musste auch Köbi Keller, ansonsten alles andere als zimperlich, Handschuhe tragen. «Als wir endlich fertig waren wurde es wärmer. Flauschige minus 17 Grad», sagt er scherzend und blickt entspannt auf den Bodensee. «Eine solche Aussicht habe ich bei der Arbeit auch nicht alle Tage.»

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Verwendet wird gelatinöser Ammonsalpetersprengstoff. (Bild: Rudolf Hirtl
oceandesign@bluewin)

Verwendet wird gelatinöser Ammonsalpetersprengstoff. (Bild: Rudolf Hirtl oceandesign@bluewin)

Der Sprengstoff wird mit einer Zündkapsel versehen. (Bild: Rudolf Hirtl
oceandesign@bluewin)

Der Sprengstoff wird mit einer Zündkapsel versehen. (Bild: Rudolf Hirtl oceandesign@bluewin)

Die verkabelte Ladung wird ins Bohrloch gestossen. (Bild: Rudolf Hirtl
oceandesign@bluewin)

Die verkabelte Ladung wird ins Bohrloch gestossen. (Bild: Rudolf Hirtl oceandesign@bluewin)

Unterschiedlich lange Sprengzünder steuern die Zündfolge. (Bild: Rudolf Hirtl
oceandesign@bluewin)

Unterschiedlich lange Sprengzünder steuern die Zündfolge. (Bild: Rudolf Hirtl oceandesign@bluewin)

Köbi Keller verbindet die Sprengladungen mit Kabeln. (Bild: Rudolf Hirtl
oceandesign@bluewin)

Köbi Keller verbindet die Sprengladungen mit Kabeln. (Bild: Rudolf Hirtl oceandesign@bluewin)

Fallschlitze zwingen die Kamine in die geplante Richtung. (Bild: Rudolf Hirtl
oceandesign@bluewin)

Fallschlitze zwingen die Kamine in die geplante Richtung. (Bild: Rudolf Hirtl oceandesign@bluewin)