René Sidler: Schnelle Dribblings, starke Worte

René Sidler war Spieler der ersten Mannschaft, später Sportchef des FC St. Gallen und zur Jahrtausendwende Präsident der Gönnervereinigung Dienstag-Club. Diese Kontinuität erreichte Sidler als Innerschweizer.

Fredi Kurth
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René Sidler (rechts) 1968 im Einsatz für den FC Luzern bei einem Spiel in Fernost gegen eine Stadtauswahl von Hongkong. (Bild: Sportarchiv LNN)

René Sidler (rechts) 1968 im Einsatz für den FC Luzern bei einem Spiel in Fernost gegen eine Stadtauswahl von Hongkong. (Bild: Sportarchiv LNN)

René Sidler war Spieler der ersten Mannschaft, später Sportchef des FC St. Gallen und zur Jahrtausendwende Präsident der Gönnervereinigung Dienstag-Club. Diese Kontinuität erreichte Sidler als Innerschweizer. Dass es ihn in jungen Jahren in die Ostschweiz verschlug, war eine Notlösung: Er liess sich an der Uni Zürich zum Sekundarlehrer ausbilden, doch bei GC oder dem FC Zürich herrschte anno 1970 schon Profibetrieb. Der FC St. Gallen bot deshalb eine ideale Alternative, Sport und Ausbildung zu vereinbaren. Weg vom FC Luzern wollte Sidler aus ähnlichen Motiven wie diesen Sommer Alain Wiss: Er hatte dort alle Juniorenstationen durchlaufen und sehnte sich nach einer Luftveränderung.

Drei Meniskusoperationen

Mit Sidler kam ein gewandter Dribbler ins Team. Das war rasch zu erkennen. Der Flügel klassischer Prägung liess sich auf Höhe Mittellinie anspielen und umkurvte seine Gegenspieler schwindelerregend. Sidler hatte seinen Anteil am sofortigen Wiederaufstieg des FCSG in die Nationalliga A und genoss in jener Saison nicht zuletzt die Stadtderbys. «Die Begriffe Brühler und Städter waren mir anfänglich unbekannt, aber danach fühlte ich mich besonders motiviert.»

Später wechselte René Sidler die Seite und kickte noch während zwei Jahren in der dritthöchsten Liga im Krontal. Das Ende als Spitzensportler kam nach drei Meniskusoperationen rascher als erwartet. Heute hat René Sidler ein künstliches Kniegelenk. «Jetzt könnte ich wieder spielen», sagt er mit ironischem Unterton.

Von Sigi Gantenbein engagiert

Das Hobby Fussball pflegte Sidler fortan als Trainer von Widnau und des FC Herisau, mit dem er in die 1. Liga aufstieg. Leute führen, Leute begeistern – das war sein Anliegen, auch im Beruf als Sekundarlehrer in Mathematik und Co-Leiter der Ortega-Schule. An letztere schickte Sidler auch die Chilenen Pato Mardones, Hugo Rubio und Ivan Zamorano, um Deutsch zu lernen.

Kurz zuvor hatte Präsident Sigi Gantenbein Sidler gerade zum sportlichen Leiter des FC St. Gallen bestimmt, zum ersten vollamtlichen Sportchef des Vereins. Von jener Zeit schwärmen die Fans noch heute, wie wenn St. Gallen die Champions League gewonnen hätte. «Es gelang der Mannschaft damals, die Anhänger emotional abzuholen», sagt Sidler. «Sie zeigte, dass auf dem Espenmoos nicht nur gekämpft, sondern auch wunderbar Fussball gespielt werden kann.»

«Dank Vinicio Fioranelli»

Zamorano, der spätere Weltstar bei Real Madrid und Inter Mailand, erzielte in der ersten Saison acht Tore. Als sich als zweiter Flankengeber Hugo Rubio dazugesellt hatte, wurden daraus 25. Weil Sidler beim Aufstieg 1971, in der Zamorano-Ära und schliesslich als Dienstag-Club-Präsident in der Meistersaison 2000 seinen Beitrag geleistet hatte, könnte er sich nun zu Recht auf die Brust klopfen. Das tut er zwar auch, aber sachte.

«Ohne Spielerberater Vinicio Fioranelli wären die drei Chilenen nie ins Espenmoos gekommen. Aber die Idee, drei Ausländer mit gleicher Nationalität zu verpflichten, entsprach meinem Konzept.» Dem Trio den Teamgeist der Mannschaft zu vermitteln, war Sidlers vorrangige Absicht: «Sie lernten von mir, ich von ihnen.»

Als Rubio und Zamorano in Bellinzona vom Platz gestellt wurden, mussten die beiden eine saftige Busse in fünfstelliger Höhe bezahlen. Sidler disziplinierte die beiden aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern kitzelte sie beim Nationalstolz: «Wenn sich das in Chile herumspricht…»

Sidler redet Klartext…

Nach einer tollen Herbstsaison 1989 mit Platz 1 hatte der FC St. Gallen ein Team beisammen, dem alles zuzutrauen war. Doch es folgte der Absturz auf Platz 5. Ein Niedergang, den Sidler nicht mehr im Job erlebte. Ihm war in der Winterpause als Sportchef gekündigt worden. Ohne Angabe von Gründen, wie er sagt, und für die er sich auch nicht mehr interessierte. Vermutlich war Sidler einigen im nahen Umfeld zu unbequem, vielleicht zu dominant. Sidler nannte die Probleme immer beim Namen und handelte danach. So lief ihm etwa zuwider, dass die drei Chilenen die Vorbereitung auf die Frühjahrssaison 1990 im milden chilenischen Winter allein für sich bestreiten durften.

…und zwar bis heute

Viel länger dauert Sidlers Liaison mit seiner Frau Bea, ebenfalls Innerschweizerin. Sie hat er als junger Lehrer beim Milchhüsli auf Drei Weieren kennengelernt… Den FC St. Gallen beobachtet er in der Regel am Fernsehen und ab und zu im Stadion. «Der FC hat mit der jetzigen Führung, vor allem mit Präsident Dölf Früh, und einer breiten Fanbasis alle Voraussetzungen für ein Spitzenteam. Bloss, die Mannschaft genügt den Ansprüchen nicht. Es fehlen ein bis zwei Spielerpersönlichkeiten», redet René Sidler auch heute noch Klartext.

Matchtip René Sidler: St. Gallen – Luzern 2:2. Morgen Sonntag, 16.00, AFG-Arena.

René Sidler Heute im Alter von 69 Jahren. (Bild: Fredi Kurth)

René Sidler Heute im Alter von 69 Jahren. (Bild: Fredi Kurth)