RELIGION: Zu Besuch in der Moschee

Fünftklässler haben im Rahmen des Religionsunterrichts die türkische Moschee in Rorschach besucht. Was im Lehrplan festgelegt ist, soll zum Verständnis für andere Glaubensrichtungen beitragen.

Daniela Huber-Mühleis
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Die Fünftklässler der Rorschacher Pestalozzi-Schule lernten in der Moschee hautnah, wie ihre Klassen­kameraden den Glauben praktizieren. (Bild: Daniela Huber-Mühleis)

Die Fünftklässler der Rorschacher Pestalozzi-Schule lernten in der Moschee hautnah, wie ihre Klassen­kameraden den Glauben praktizieren. (Bild: Daniela Huber-Mühleis)

Daniela Huber-Mühleis

redaktionot@tagblatt.ch

Stürmisch läuten die Kinder an der Hausglocke des türkischen Kulturvereins. Die Moscheeführerin Fatma Karakoc bittet die Schüler herein. Neugierig stürmen sie die Treppe hoch, stellen die Schuhe ganz selbstverständlich ins Gestell und begrüssen den Imam, der mit einer weissen Soutane bekleidet ist. Die Fünftklässler des Rorschacher Pestalozzi-Schulhauses setzen sich auf den Gebetsteppich und staunen über dessen Quadrate und Verzierungen. Gespannt hören sie der Moscheeführerin zu, währenddessen sie vom Haddsch, der Pilgerfahrt nach Mekka, und der Kaaba mit dem schwarzen Monolith erzählt. Während der Gebetszeit sind die Schüler mäuschenstill. Der Imam rezitiert einen Text aus dem Koran, und die anwesenden Muslime verneigen sich in Richtung Wallfahrtsort des Islams. Die Kinder wissen, dass der Koran nicht auf den Boden gelegt werden darf. Auch eine Gebetskette dürfen sie durch die Finger gleiten lassen.

Verschiedene Religionen kennen lernen

«Im ökumenischen Religionsunterricht habe ich die Kinder intensiv auf diesen Besuch vor­bereitet», sagt Caroline Aesch­limann, Katechetin der Rorschacher Mittelstufe im Schulhaus Pestalozzi. Das Kennenlernen abrahamitischer Religionen ist im Lehrplan festgelegt.

Es war ihr ein Anliegen, dass die Kinder nebst dem Judentum auch den Islam so kennen lernen, wie ihn die Schulkollegen regelmässig praktizieren. «Meine Fünftklässler gehen mit muslimischen Kindern in die Schule. So erfahren die Christen auch von deren Bräuchen, vom Ramadan und Beiram», erklärt sie die Beweggründe für die Moscheevisite. Über einen Gegenbesuch muslimischer Kinder in einer der katholischen oder evangelischen Kirchen würde sich Aeschlimann freuen. «Nur so lernen wir die Muslime kennen und sie uns», ist sie überzeugt. «Christen zünden zum Beten oft Kerzen an. Tun dies Muslime auch?», fragt die zehnjährige Laura. Karakoc erklärt, dass dieses Ritual im Islam nicht praktiziert wird. «Doch für eine friedliche Stimmung brennen auch bei den Muslimen Kerzen in der Wohnung», fügt sie an.

Die Katechetin freut sich, dass die Schüler mit Offenheit und Interesse auf Fremdes reagieren und neugierig sind. Dass sich Gläubige über Religionsgrenzen hinweg austauschen, freut die Anwesenden. Nachdem Fatma Karakoc von den Kindern eine grosse, mit Sternen, Bäumen und Waldtieren verzierte Kerze als Geschenk erhielt, offeriert sie diesen Mandarinli und Schoggi. Dabei erwähnt sie, dass der Weihnachtsmann in der Türkei gelebt hat. Die ökumenische Religionsgruppe erklärt ihr dann, dass er St. Nikolaus hiess, ein Bischof war und sein Namenstag, der 6. Dezember, mit Nüssli und Mandarinli gefeiert wird.

Religionslandschaft im Umschwung

Die Religionslandschaft in der Schweiz hat sich in den letzten Jahren enorm verändert. Wegen der Zuwanderung leben nicht nur Christen, sondern eine beträchtliche Anzahl Andersgläubige hier. Die Römisch-Katholischen und die Evangelisch-Reformierten bilden nach wie vor die grössten Religionsgemeinschaften der Schweiz. Insbesondere Gläubige, die dem Islam angehören, haben durch die Migrationsströme zugenommen. Der Umgang mit der religiösen Pluralität sei für die Religionsleh­renden eine Herausforderung geworden. Sich einander mit Verständnis und Toleranz zu begegnen, ist der Religionslehrerin Caroline Aeschlimann ein grosses Anliegen.