Regierung lehnt späteren Schulstart ab

Die Beobachtungen des Interpellanten träfen zwar zu. Und seine Argumentation sei nicht von der Hand zu weisen. Dennoch will die St. Galler Regierung von einem späteren Unterrichtsbeginn am Morgen nichts wissen. Das lasse sich nicht umsetzen.

Regula Weik
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Richard Ammann St. Galler Kantonsrat (BDP) (Bild: pd)

Richard Ammann St. Galler Kantonsrat (BDP) (Bild: pd)

ST. GALLEN. Richard Ammann steht seit 32 Jahren als Lehrer im Klassenzimmer. Etwas stört ihn seit Beginn seiner Lehrertätigkeit – der «Frühstart». Im Kanton St. Gallen beginnt der Unterricht an zahlreichen Schulen, vor allem in der Oberstufe, um 7.30 Uhr oder früher. «Das ist nicht jugendgerecht», sagt Ammann. Ihr Biorhythmus ticke anders. «Jugendliche befinden sich am frühen Morgen im Tiefschlaf, aus dem sie regelmässig herausgerissen werden.» Viele Jugendliche seien daher in der ersten Unterrichtsstunde müde, unkonzentriert, unmotiviert – nicht (nur) aufgrund ihres ausschweifenden nächtlichen Partylebens. Ammann plädiert deshalb für einen späteren Schulbeginn – kantonsweit um acht Uhr.

Der BDP-Kantonsrat hat zu seinem Anliegen einen politischen Vorstoss eingereicht (Ausgaben vom 9. und 13. Dezember). Nun liegt die Antwort der Regierung vor. Und diese macht klar: Ammanns Idee hat einen schweren Stand – und das, obwohl die Regierung in der Sache mit ihm einig geht.

Was alles hilft

So schreibt die Regierung: «Die physiologische Entwicklung vieler Jugendlicher steht in einem gewissen Widerspruch zum frühen Schulbeginn.» Doch nicht nur diese – und damit beginnt bereits das regierungsrätliche Aber – beeinflusse Motivation, Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. Die Regierung schlüpft in die Rolle des «guten Erziehers» und listet weitere Faktoren für «einen gesunden, erholsamen Schlaf» auf: Nötig wären auch Verzicht auf Koffein, Alkohol, Nikotin, wenig Licht und Lärm im Schlafzimmer, regelmässiger Schlaf-/Wachrhythmus. «Es ist Wunschdenken der Regierung, dass das Elternhaus dieses Problem lösen kann», sagt Ammann. Und dann fügt der Vater dreier erwachsener Töchter an: «Eltern können das Einschlafen von Teenagern um neun Uhr abends nicht erzwingen.»

Nur mit Tagesstruktur möglich

Doch die Regierung führt auch ganz handfeste Gründe an, die gegen einen späteren Schulbeginn um acht Uhr sprächen. So müssten die Unterrichtslektionen «rigoros» gekürzt werden, und dafür lasse die Lektionentafel des Lehrplans «keinen Raum». Oder es müssten obligatorische Tagesstrukturen mit Mittagstisch und verkürzter Mittagspause eingeführt werden. Die Regierung hat grösste Zweifel – an beiden angetönten Wegen. Sie hält denn auch fest: «Beides ist bildungs-, gesellschafts- und finanzpolitisch keine Option.»

Und was hat es mit der Lösung von Basel-Stadt auf sich, die Ammann als beispielhaft erwähnt? Dort startet der Unterricht an den Sekundarschulen auch erst um acht Uhr. Die neue Schulstruktur in Basel-Stadt sei mit verpflichtenden Mittagstischen verknüpft, hält die Regierung fest. Und sie ist überzeugt: «Im Kanton St. Gallen fände eine obligatorische Ganztagesschule keine Akzeptanz.» So sei bereits heute die Nachfrage nach freiwilligen Mittagstischen «sehr gering»; Umfragen sprechen von sechs Prozent.

Zumindest abfedern

Er sei enttäuscht, dass die Regierung – «im Bewusstsein des Problems» – inaktiv bleiben wolle, sagt Ammann in einer ersten Reaktion. Er ist überzeugt: Das Problem könnte «mit einigermassen gutem Willen» zumindest abgefedert werden, so dass die Mehrheit der Jugendlichen zwei- bis dreimal pro Woche morgens später zur Schule müsste. Voraussetzung dafür sei wohl, dass den Schulträgern verbindliche Weisungen und Richtlinien zur Gestaltung des Stundenplans vorgegeben würden – «da erwarte ich mehr Leadership des Bildungsdepartements», sagt der Kantonsrat.