Regieren zum Durchschnittslohn

Der parteilose This Bürge kandidiert bei der Ersatzwahl für den Stadtrat. Als solcher würde der Vater dreier Töchter auf Vermittlung und Politik mit Gefühl setzen – und auf einen Teil des Lohns verzichten. Bürge versteht sich als einfachen Mann, was er auch bleiben will.

Kathrin Reimann
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This Bürge in seinem Wohnzimmer, das für ihn manchmal auch zum Büro wird. (Bild: Hanspeter Schiess)

This Bürge in seinem Wohnzimmer, das für ihn manchmal auch zum Büro wird. (Bild: Hanspeter Schiess)

Auch wenn This Bürge seine Kandidatur für die Ersatzwahl vom 30. November erst in letzter Minute eingereicht hat, war es kein Spontanentscheid. «Man exponiert sich sehr, deshalb habe ich mich mit meinen Töchtern, meiner Ex-Frau und meinem Umfeld abgesprochen», sagt der 56-Jährige, der politisch zwar als unbeschriebenes Blatt gilt, sich aber immer wieder für seine Überzeugungen einsetzt. Einerseits mit Leserbriefen, die er seit zehn Jahren in regelmässigen Abständen an unsere Zeitung schickt. Andererseits versuchte er via Petitionen unter anderem das Busfahren für Kinder gratis zu gestalten, eine neue Aufsicht über Sonderschulen zu erzwingen oder die Billag abzuschaffen.

Die Idee für die Stadtrat-Kandidatur kam ihm vor drei Monaten während der Vorbereitungsarbeiten für ein Fest seiner Tierli-Gruppe, mit der er Minischweine, Meerschweinchen und Hühner hält. «Wir fanden es unglaublich, dass sich lediglich zwei Leute auf eine Stelle bewerben, die ich als wunderschön und spannend erachte.» Und so sammelte Bürge in seiner Nachbarschaft Unterschriften, und kriegte diese – auch von illustren Namen, wie er sagt – problemlos zusammen.

Auf dem Boden bleiben

Nachbarschaft ist Bürge sowieso wichtig. Seit 30 Jahren lebt er «um den Ostfriedhof herum». Im Guggeien-Quartier fühlt er sich wohl, und möchte dies auch als Stadtrat tun. «Wenn ich gewählt werde, würde ich auf den Durchschnittslohn beharren, der gemäss Bundesamt für Statistik bei 5778 Franken liegt.» Er wolle auf dem Boden bleiben, die Realität nicht aus den Augen verlieren und sich persönlich nicht wegen Geld verändern. «Ich weiss, wie viel Lohn mir guttut, meine Grenze habe ich beim Medianlohn gezogen – mehr passt nicht zu meinem Leben und nicht zu meinem Quartier.» Bürge will nämlich «einer von uns» bleiben. Und sich auch für seine Leute einsetzen. «Mein Motto lautet: parteilos, vermittelnd und herzlich.» Wichtig ist ihm, dass Ideen aus der Bevölkerung Gehör bekommen und wachsen können.

Eine Philosophie aus dem Taxi

Seinen politischen Standort festzumachen, fällt dem Parteilosen derweil nicht leicht. Er tendiere zwar nach links, zu den Neuerungen, sehe aber auch ein, dass man manchmal nach rechts, zurück zur Tradition, müsse. «Nur die Mitte ist weniger meins, dafür probiere ich zu gerne neue Sachen aus.» Als viel wichtiger als seinen politischen Standort empfindet er die Niederschwelligkeit. «Ich möchte, dass jeder, der ein Anliegen oder ein Problem hat, mich anrufen kann.» Diese Philosophie stammt von seinen nächtlichen Taxifahrten, denen er zweimal pro Woche beruflich nachgeht. «Dort gibt es einen direkten Austausch, ich bekomme mit, was die Leute bewegt.»

Mit Glückskeksen in den Kampf

Ansonsten arbeitet This Bürge von zu Hause aus als Sekretär von SOS (Solidarische Schweiz), eine parteilose gemeinnützige Organisation, die Projekte, Komitees und parteilose Kandidaten bei Wahlen unterstütze und 36 aktive sowie rund 8000 inaktive Mitglieder zähle.

Aufgewachsen ist Bürge in Dinhard bei Winterthur, er absolvierte eine Verwaltungslehre bei der Gemeinde Bassersdorf und liess sich später zum Programmierer und Analytiker ausbilden. Und nun will Bürge, der in seiner Freizeit wandert, liest oder Kanu fährt, in den Stadtrat. «Ich denke, ich würde gut in die Gruppe passen.» Dass er parteilos ist, sieht er dabei als grossen Vorteil, dass er im Dreieck Parlament, Verwaltung und Volk vermitteln würde, als wunderschöne Aufgabe. Seine Chance, als Stadtrat gewählt zu werden, erachte er als intakt. «Ich bin nicht angetreten, um auf dem dritten Platz zu landen.» Auch wenn er es seinen Mitstreitern Barbara Frei (FDP) und Peter Jans (SP) ebenfalls gönnen würde. «Wir sind alle im selben Alter, haben viel erlebt und stehen an ähnlichen Punkten im Leben.»

Einen Nachteil sieht Bürge in seinem «ganz, ganz schmalen Wahlkampfbudget». Er will den Wahlkampf aber mit Auftritten, Standaktionen und der Hilfe der Töchter meistern. «Die eine bäckt Glückskekse und die andere gestaltet Kärtchen.»