Rega macht sich bereit für Blindflüge

ST.GALLEN. Die Rega hat ehrgeizige Pläne: Ihre Helikopter sollen auch bei Nebel und starkem Schneefall fliegen. Ende Jahr könnten die ersten Instrumentenflug-Routen in Betrieb gehen. Die Piloten der Rega-Basis St.Gallen freuen sich auf die Herausforderung.

Adrian Vögele
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Anflug auf Sicht: Der «St.Galler» Rega-Helikopter mit dem Kennzeichen HB-ZRX landet häufig beim Kantonsspital. (Bild: Urs Jaudas)

Anflug auf Sicht: Der «St.Galler» Rega-Helikopter mit dem Kennzeichen HB-ZRX landet häufig beim Kantonsspital. (Bild: Urs Jaudas)

Gut 8700 Einsätze haben die Helikopter der Rettungsflugwacht im vergangenen Jahr absolviert, davon über 2100 bei Nacht. Die Besatzungen der Rega-Basis St. Gallen rückten 805mal aus. Für schweizweit etwa 600 Patienten war jedoch keine Versorgung aus der Luft möglich – das Wetter war zu schlecht. Denn die Helikopterpiloten der Rega fliegen auf Sicht. Dies übrigens auch im Dunkeln, mit Hilfe eines Nachtsichtgeräts. Bei dichtem Nebel oder sehr starkem Schneefall beispielsweise bleiben die Maschinen am Boden.

Das soll sich ändern. Die Rega will künftig auch bei schlechtem Wetter Einsätze fliegen. Ein Vorhaben, das in der Schweizer Fliegerei eine neue Dimension darstellt. Das «blinde» Fliegen nach Cockpit-Instrumenten – fachsprachlich Instrument Flight Rules (IFR) – ist zwar mit Flugzeugen gang und gäbe, nicht aber mit Helikoptern. Einen ersten Schritt hat die Rega bereits vor vielen Jahren getan: Für alle Rega-Basen wurde ein Startverfahren vordefiniert, das es den Piloten ermöglicht, abzuheben, wenn die Sicht am Boden schlecht, in der Höhe aber genügend ist. Seit 2011 kann die Rega zudem das Inselspital Bern im IFR-Verfahren anfliegen.

Helikopter nachgerüstet

Doch im Rest der Schweiz müssen die Verfahren erst noch geregelt und falls nötig technische Infrastrukturen auf Spitallandeplätzen aufgebaut werden. Die Rega arbeitet zusammen mit der Luftwaffe und der Flugsicherung Skyguide daran, ein Netz von IFR-Routen für Helikopter einzurichten. Es soll Spitäler, Rega-Basen und Flugplätze miteinander verbinden. Die Aufgabe der Positionsbestimmung übernehmen Satelliten: Der Pilot orientiert sich anstatt am Gelände an virtuellen Wegpunkten, die im Cockpit elektronisch dargestellt werden. Der Helikopter soll der vordefinierten Route auch per Autopilot folgen können. Die ersten dieser IFR-Routen sollen Ende dieses Jahres betriebsbereit sein, eine weitere Etappe ist für 2016 vorgesehen. Welche Regionen wann soweit sind, ist noch offen. «Das hängt unter anderem davon ab, wie rasch das Bundesamt für Zivilluftfahrt die Bewilligungen erteilen kann», sagt Rega-Mediensprecher Philipp Keller.

Ob die Rega beispielsweise schon bald mit IFR-Anflügen auf das Kantonsspital St.Gallen beginnen kann, bleibt somit vorerst unklar. Doch die Vorbereitungen schreiten voran: Jene Rega-Helikopter, die ursprünglich nicht IFR-fähig waren, wurden bereits entsprechend nachgerüstet. Zu diesen zählt auch die Maschine vom Typ Agusta-Westland Da Vinci mit dem Kennzeichen HB-ZRX, die seit 2009 in St. Gallen stationiert ist. Noch im Gang ist die IFR-Ausbildung der Besatzungen: Alle Piloten absolvieren 400 bis 500 Stunden Theorie, rund 55 Flugstunden im Simulator und 20 Flugstunden im Helikopter.

«Aufwendig, aber befriedigend»

Auf der Basis St.Gallen sind vier Piloten angestellt. «Zwei davon haben die Ausbildung für den Instrumentalflug bereits erfolgreich abgeschlossen», sagt Dominik Tanner, Leiter der Basis. Die Stimmung unter den Piloten angesichts dieser neuen Herausforderung sei sehr gut. «Die IFR-Ausbildung ist zwar aufwendig und anspruchsvoll, ermöglicht es uns aber, noch mehr Menschen in Not zu helfen und macht uns zu noch kompletteren Piloten. Das ist befriedigend und macht Freude.»

Was bedeutet es für das Kantonsspital St.Gallen, wenn die Rega auch bei schlechtem Wetter fliegt? «Die Patienten sind schneller bei uns», sagt Mediensprecher Philipp Lutz. «Das ist wichtig, wenn jede Minute zählt, zum Beispiel bei einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall oder einem schweren Trauma.» Auf die Kapazitäten des Spitals hätten die Pläne der Rega aber keine Auswirkungen.

Eigene Wetterstationen

Der Aufbau von IFR-Routen ist nur ein Element in einer ganzen Reihe von Projekten, die zu einer wetterunabhängigen Luftrettung führen sollen. So baut die Rega ein eigenes Netz von gegen 60 Wetterstationen und Webcams auf, damit die Crews stets auf aktuellste Wetterinformationen zurückgreifen können. Dies ist Voraussetzung für die Benützung von IFR-Routen. Die Idee ist, dass die Wetterdaten dereinst ohne Zeitverlust direkt ins Cockpit übertragen werden. Heute kann es vorkommen, dass sich die Piloten vor einem Einsatz bei Personen vor Ort nach dem lokalen Wetter erkundigen müssen. Dieser Aufwand soll reduziert werden.

Futuristische Geräte

Ausserdem prüft die Rega die Anschaffung von Helikoptern mit Enteisungsanlage. Diese verhindert, dass sich Eis auf den Rotoren bildet und den Auftrieb verschlechtert. Das Problem: Eine solche Ausstattung haben nur Helikoptertypen, die für die Rega zu gross und zu schwer sind. Darum sucht die Rega nun direkt mit den Herstellern nach Lösungen.

Auch neue optische Hilfsmittel sind im Gespräch. Denn, IFR-Routen hin oder her: Bei Starts und Landungen im Gelände müssen die Piloten die Umgebung ausreichend erkennen können. Ein Anzeigegerät in Form eines Monokels, das Geländeformen und Hindernisse virtuell darstellt, soll das Auge des Piloten unterstützen. Das klingt nach Science-Fiction – doch bereits hat die Rega derartige Geräte getestet. Ob sie allerdings in den Einsatz gelangen, ist noch offen.