RAUMERLEBNIS: Ins beste Licht gerückt

Bei den Sanierungsarbeiten dieses Jahres hat die Kathedrale auch eine neue Beleuchtung erhalten. Mit 15 Lichtprogrammen kann die Symbolik der Liturgie optisch umgesetzt werden.

Beda Hanimann
Drucken
Teilen
Derselbe Raum, zwei Lichtszenen: Links für ein Hochamt, rechts für eine Vesper. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Derselbe Raum, zwei Lichtszenen: Links für ein Hochamt, rechts für eine Vesper. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Beda Hanimann

beda.hanimann@tagblatt .ch

Der Dompfarrer schwärmt. Im Pfarrblatt hat er von einem kleinen Wunder geschrieben. Davon, dass man plötzlich Dinge sieht, die man vorher so nicht wahrgenommen habe – obwohl sie immer da waren. Nun steht Beat Grögli im Schiff der Kathedrale, neben ihm Sakristanin Christine Brülisauer, die vom Tablet aus die Beleuchtung steuert. «Sehen Sie da oben zum Beispiel Gallus und Otmar, die Gründerheiligen: Es ist grossartig, was da plötzlich für Details erkennbar sind, der Bär, das Fässchen, die Darstellung des Klosters», sagt Grögli. Selten ist die Redewendung so zutreffend: Diese Beleuchtung rückt die Kathedrale ins richtige Licht – und das ist atemberaubend vielfältig.

Neben einer umfassenden Reinigung und der Revision der Orgel war das neue Lichtkonzept Teil eines dreiteiligen Sanierungsprojekts, für das dieses Jahr 1,35 Millionen Franken investiert wurden. Auf die Adventszeit hin konnten die Arbeiten frist- und budgetgerecht abgeschlossen werden, wie Thomas Franck, der Verwaltungsdirektor der Katholischen Administration, sagt.

421 Leuchten erwecken die Deckenbilder

Entworfen wurde die neue Beleuchtung von der Lichtdesigner-Koryphäe Charles Keller. Als St. Galler sei es ihm eine Ehre gewesen, eines der schönsten Bauwerke zu beleuchten – und erst noch in St. Gallen, sagt dieser. «Der Innenraum ist für mich ein gebautes Halleluja aus der Zeit von Wolfgang Amadeus Mozart.» Anders als etwa im Rathaus, wo geplant, beraten, gestritten, bestraft und gefeiert werde, brauche es im Dom ein Licht für kirchliche Anlässe. «Bei dieser Arbeit stand die Lichtführung im Mittelpunkt», sagt Keller.

«Das Konzept setzt auf neueste LED-Technik, ist also sehr energieeffizient», sagt Franck. 279 Leuchtkörper mit 421 Leuchten sind montiert, die meisten davon auf den Kapitellen – und so diskret wie möglich plaziert. «Dass beim Betreten der Kirche von hinten keine Leuchten, sondern nur beleuchtete Architektur wahrgenommen werden kann, war einer der Schwerpunkte dieser Konzeption», erklärt Keller.

Nächtelang haben er und die Kirchenverantwortlichen jeden einzelnen Spot optimal ausgerichtet. Über Touchscreen im Chorraum sowie Tablets von jeder Stelle der Kathedrale aus können die Sakristane 15 verschiedene Lichtszenerien einschalten, aber auch manuell variieren. Die Szenen sind auf die Liturgie abgestimmt. Für die Rorategottesdienste ist es ein dezentes Licht, das die Stimmung der frühen Morgenstunde aufnimmt, im Fokus steht der Altarraum. Das Programm für die Osternacht beginnt ganz dunkel, erst mit dem Halleluja erstrahlt der Kathedralhimmel mit allen Heiligen in gleissender Helligkeit. «Das Licht kann so die Symbolik der Liturgie aufnehmen, und es wird selber zur Symbolik», sagt Franck.

Die Schöpfer der Gemälde hätten ihre Freude

Dank der neuen Beleuchtung kommt die Eigenheit der St. Galler Kathedrale zu ihrer Vollendung. «Die eher dunklen Deckengemälde sind speziell», sagt Grögli, «aber das kann auch bedrückend sein. Im neuen Licht ist das Bedrückende weg, es wird leicht.» Einzelne Partien wirken fast dreidimensional, der Stuck erscheint lebhaft, die Schattenwürfe von skulpturalen Elementen wie Putti erzeugen Spannung.

«Wir erwecken die Deckenbilder in den Gewölben, und die Lesebeleuchtung verdient ihren Namen», sagt Keller. Das Bildprogramm der Kathedrale werde nun quasi auf dem Tablett serviert, ergänzt Grögli. Und endlich werde richtig deutlich, welche künstlerische Qualität in den barocken Malereien und der Architektur stecke, sind sich Grögli und Franck einig. «Die Maler von damals hätten ihre helle Freude, wenn sie ihr Werk in diesem Licht sehen könnten», sagt Christine Brülisauer.