RAMADAN: Zeit zum Innehalten

Rund 2000 Muslime leben in Rorschach, 900 in Goldach. Für viele von ihnen war im letzten Monat die Zeit des Ramadans. Wie sie die heissen Tage überstehen und wie sie das Ende des Fastenmonats feiern.

Janina Gehrig
Merken
Drucken
Teilen
Nicht nur das Fasten gehört zum Ramadan, auch das Beten. (Bild: Yahya Arhab/Keystone)

Nicht nur das Fasten gehört zum Ramadan, auch das Beten. (Bild: Yahya Arhab/Keystone)

Janina Gehrig

janina.gehrig@tagblatt.ch

Fatma Demirbas sitzt im Reisebüro Sinici Reisen in Goldach, hinter ihr liegt – an die Wand tapeziert – das türkisfarbene Meer, im Sand eine aufgeschlagene Kokosnuss. Demirbas hält einen Kalender in den Händen, der für 29 Tage auf die Minute genau festhält, um welche Zeit das Fasten beginnt und gebrochen werden darf. Das Reisebüro hat ihn extra für seine Kunden angefertigt. Heute ist Tag 27. Am Sonntag geht der Ramadan, der heilige Fastenmonat der Muslime, zu Ende. Zwischen 800 und 900 von ihnen leben in Goldach, rund 2000 sind es in Rorschach.

Leichte Speisen, sonst gibt es Bauchweh

Noch vergehen sechs Stunden, bis Demirbas, die gebürtige Türkin, das Fasten an diesem Tag brechen kann. Um 21.29 Uhr wird die Glocke ihrer Ramadan-App auf dem Handy läuten. «Wir brechen das Fasten mit Datteln und Wasser», sagt sie. Danach wird gebetet. Zeit zum Schlafen bleibt wenig. Denn obwohl die Sonne erst um 5.21 Uhr aufgeht, müssen Muslime das Frühstück bis kurz vor 4 Uhr morgens eingenommen haben. In der Türkei würden sich die Frauen im Dorf zum Kochen treffen und die ­Gerichte in grossen Mengen einfrieren. «Hier tische ich vor allem leichte Kost auf, oft Suppen oder Eiergerichte. Sonst gibt es Bauchweh.» Für Demirbas ist Ramadan eine Zeit zum Abschalten und ­Innehalten, eine Zeit der Reinigung. In diesen heissen Tagen habe sie zwar immer etwas Durst, sagt Demirbas. Auch sei sie oft müde und schwach. «Aber wenn man das im Kopf hat, dann klappt es auch», sagt sie. Demirbas hält sich besonders strikt an die Regeln. Die dreifache Mutter hat in den letzten Jahren als schwangere und stillende Frau jeweils nicht gefastet. Darüber hat sie Buch ­geführt. Sie möchte jeden «versäumten» Tag nachholen. Ist ­Ramadan vorbei, wird sie weitere Fastentage anhängen.

«Beten während der Arbeit geht nicht»

Isen Dzaferi hat sein Auto vor einem Garagentor des Rorschacher Industriequartiers abgestellt. «He du, hier ist Parkieren verboten», ruft ihm ein Mann scherzend zu. Dzaferi arbeitet bei der Firma Amcor in Horn, jeden Mittag kommt er zum Gebet in die Moschee des Albanisch-Islamischen Vereins. Er streift seine Schuhe ab, stellt sie neben rund 250 weiteren Paaren ins Gestell. Während des Ramadans sei die Moschee besser besucht, sagt Dzaferi, der in deren Beirat sitzt. Die Predigt des Imams handelt vom Weg ins Paradies. «Man muss viele gute Dinge machen», sagt Dzaferi, der in den 1980er- Jahren aus Mazedonien in die Schweiz gekommen und mittlerweile eingebürgert ist. Er selbst habe zwei Patenkinder in Kenia, für deren Ausbildung er bezahle.

Als junger Mann habe er es nicht immer so ernst genommen mit dem Fasten, sagt er. Jetzt falle ihm der Verzicht aufs Essen nicht mehr so schwer. «Ich faste für mich, nicht für andere», sagt er. Dass er nicht rauchen und Kaffee trinken könne, sei für ihn ohnehin schwieriger. Seine Arbeitskollegen würden ihm manchmal in der Pause zum Spass zu­prosten. Dzaferi lacht. Wenn er Nachtschicht hat, springen Arbeitskollegen kurz für ihn ein, damit er vor 4 Uhr frühstücken kann. «Beten kann ich nicht während der Arbeit. Ich trage eine Verantwortung. Das weiss Gott», sagt der Maschinenführer.

Während des Ramadans lädt er gerne Bekannte und Verwandte zum abendlichen Fastenbrechen ein. «Gestern war unser Nachbar da, ein Christ.» Dzaferi wird ernst. Dass sich weltweit Anschläge mit islamistischem Hintergrund gerade in der Zeit des Ramadans noch häuften, stimme ihn traurig. «In erster Linie sind wir Muslime von solchen Anschlägen betroffen. Die Menschen nehmen dann Abstand von uns allen.»

Im Kebab-Laden Brillant surrt ein Ventilator. Sezen Metin bindet sich soeben eine rote Schürze um. Dann schneidet er das Dönerfleisch vom Spiess. Er mache keinen Ramadan, sagt er, der vor 29 Jahren aus Istanbul in die Schweiz gekommen ist. Metin ist Alewit, er gehört einer liberalen Glaubensrichtung an. «Jeder muss es selber wissen», sagt er lächelnd.

Am Sonntag, wenn der ­Ramadan endet, steht das grosse Fest des Fastenbrechens an. Demirbas fährt dann mit ihrer Familie zu den Eltern. «Man isst zusammen Baklava und trinkt Tee und Kaffee.» Zudem würden alle mit neuen Kleidern und Schuhen eingedeckt, die Kinder mit Geld und Bonbons. «Es ist ein grosses Fest wie Weihnachten», sagt sie. Auch Dzaferi wird Freunde und Verwandte besuchen. Süssigkeiten essen und feiern.