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PUBLIFON: Telefonzellen in der Stadt St.Gallen - bald kein Anschluss mehr

Noch sind in der Stadt St. Gallen 23 Telefonkabinen in Betrieb. Doch ihr letztes Stündchen hat bald geschlagen. Für den Grossteil der Kabäuschen steht der Abbruchtermin bereits fest.
Christina Weder
Die öffentlichen Telefonzellen in St.Gallen. (Bild: Selina Buess)

Die öffentlichen Telefonzellen in St.Gallen. (Bild: Selina Buess)

Früher wurde darin erzählt, gelacht, gestritten, aus der Ferne angerufen, es wurden Verabredungen getroffen, Liebschaften begonnen oder beendet. Doch diese Zeiten sind vorbei, die öffentlichen Telefonkabinen zu stillen Örtchen geworden. Die meisten Passanten lassen sie links liegen. Wer ein Handy mit sich herumträgt, ist nicht mehr darauf angewiesen. Doch es gibt sie noch. 23 Telefonkabinen sind derzeit in der Stadt St. Gallen in Betrieb. Ihre Tage sind bald gezählt. Ein Anschluss nach dem anderen wird verschwinden.

Denn seit Anfang Jahr gehören die Publifone, wie sie auch genannt werden, nicht mehr zur öffentlichen Grundversorgung. Die Swisscom ist von ihrer Pflicht entbunden, diese zu betreiben. Sie hat in der Stadt St. Gallen für 17 der 24 noch bestehenden Telefonkabinen bereits einen Abbruchtermin im laufenden Jahr festgelegt. Für die sieben restlichen Kabäuschen sieht es nicht besser aus. Sie bleiben nicht verschont. «Die Swisscom wird die Publifone mittelfristig – in den nächsten paar Jahren – ganz entfernen», teilt Mediensprecherin Sabrina Hubacher auf Anfrage mit. Es handle sich um eine laufende Planung. Viele der Kabinen sind bereits verschwunden. Vor acht Jahren waren es auf Stadtboden noch 80 an der Zahl.

Die öffentlichen Telefonzellen in St.Gallen. (Bild: Selina Buess)

Die öffentlichen Telefonzellen in St.Gallen. (Bild: Selina Buess)

Touristen und Notfall-Nutzer

Die Zeiten, als man ein Publifon aufsuchen musste, um von unterwegs telefonieren zu können, sind definitiv vorbei. Die öffentlichen Telefone werden kaum mehr benutzt, wie Sabrina Hubacher sagt. Zwischen 2004 und 2016 ging die Zahl der Gespräche schweizweit um 95 Prozent zurück. Zahlreiche Kabinen werden tagelang nicht betreten. Die meisten der noch betriebenen Geräte seien nicht kostendeckend.

Wer benutzt sie überhaupt noch? Laut Swisscom-Sprecherin sind das Touristen oder preisbewusste Zeitgenossen, die ins Ausland telefonieren, was allerdings in Zeiten von Skype und Whatsapp an Bedeutung verliert. Bei der dritten Gruppe handelt es sich um sogenannte Notfallnutzer, deren Handy-Akku leer oder deren Prepaid-Guthaben aufgebraucht ist.

Die Telefonkabine in der Stadt St. Gallen, die am meisten benutzt wird, steht bei der Unterführung West im Hauptbahnhof. Eingereiht zwischen Passfoto-, Selecta-Automat und Fahrplan-Monitor profitiert sie von den vorbeiziehenden Pendlerströmen. Ab Juli wird sie die einzige und letzte öffentliche Telefonkabine am Hauptbahnhof sein Das Publifon, das in der Stadt am wenigsten aufgesucht wird, befindet sich auf dem Parkplatz vor der Grabenhalle. Die jungen Konzertbesucher haben wohl alle ein Handy oder ein Smartphone in der Tasche.

Die Modernste: Zwischen Stadttheater und Tonhalle. (Bild: Ralph Ribi)
Die Umgenutzte: An der Bushaltestelle Scheidweg in Winkeln. (Bild: Ralph Ribi)
Die Meistbenutzte: Bei der Unterführung West am Hauptbahnhof St.Gallen. (Bild: Ralph Ribi)
Die Verlassenste: Auf dem Parkplatz vor der Grabenhalle. (Bild: Ralph Ribi)
Die Versteckte: Bei der Bushaltestelle Mühlegg in St.Georgen. (Bild: Ralph Ribi)
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Telefonzellen in St.Gallen


Von modern bis schmuddelig

So schmuddelig, wie man sie in Erinnerung hat, sind die Kabinen nicht mehr. Beim Grossteil handelt es sich um das Standardmodell der Swisscom: Gläserner Kasten mit blauem Häubchen auf dem Dach, das nachts leuchtet. Doch es gibt Ausnahmen.

Das unscheinbarste Modell befindet sich wohl bei der Bergstation Mühlegg. Es erstaunt, dass die Kabine überhaupt noch aufgefunden wird, so klein wie sie angeschrieben ist. Gut möglich, dass sie nach ihrer Stilllegung als Besen- oder Abstellkammer dient. Das modernste Modell in der Stadt steht vor der Tonhalle. Es handelt sich um einen gläsernen Zylinder, bei dessen Betreten sich eine Art synthetischer Klangwasserfall über den Besucher ergiesst. Darin hat vor anderthalb Jahren die «kleinste Buchvernissage» stattgefunden, zu der eine Grafikerin und ein Fotograf einluden.
Überhaupt sind Telefonkabinen ein Ort der Erinnerungen und Geschichten, teils sogar der Kriminalgeschichten. Acht Jahre ist es her, dass Männer aus zwei Telefonkabinen drohten, eine Bombe im Hauptbahnhof hochgehen zu lassen. Ein anderes Mal entdeckten Polizisten in einer Kabine einen schlafenden, ausgebüxten Häftling. Seither ist es ruhig um die Kabinen geworden.
Die stillgelegten Kabäuschen werden in ihre Einzelteile zerlegt und entsorgt - es sei denn, eine Gemeinde hat Interesse daran. Dann überlässt ihr die Swisscom die Zelle gratis. Derzeit sucht die Gemeinde Wittenbach nach Ideen für eine ausgemusterte Kabine.

Zwei kleine Hol- und Bring-Büchereien

In St. Gallen wurden bis jetzt zwei Telefonkabinen umgenutzt: In beiden sind kleine Hol- und Bring-Büchereien entstanden. Seit vier Jahren gibt es bei der ehemaligen Post Linsebühl die Lesebine. Vor knapp einem Jahr ist die Bücherzelle bei der Bushaltestelle Scheidweg in Winkeln hinzugekommen. Beide werden von den Quartiervereinen betreut und stossen laut den Verantwortlichen auf reges Interesse. Auch bei der Stadt zeigt man sich gegenüber Umnutzungen aufgeschlossen, wie Marianne Meier von der Kommunikationsstelle sagt. Doch unternehme man aus eigenem Antrieb keine Anstrengungen, um die Kabinen vor dem Untergang zu bewahren.

Wie war das noch mal?

Selbstversuch Es ist eine Ewigkeit her, seit ich das letzte Mal eine Telefonkabine benutzt habe. Höchste Zeit also, es noch einmal auszuprobieren, bevor die kleinen Häuschen aus dem Stadtbild verschwunden sind. Jenes am Bahnhof ist das meistbenutzte der Stadt. Die Kabine steht – wen wundert’s – frei. Ich stosse die Türe auf. Der stickige Geruch ist noch derselbe wie eh und je.

Doch sonst ist die Telefonkabine nicht mehr so, wie sie einmal war. Daraus verschwunden sind die schweren, aufklappbaren Telefonbücher. Den elektronischen Nachfolger suche ich vergeblich. Die einzigen Nummern, die ich auf einer Tafel vorfinde, sind jene von Sanität, Polizei und Feuerwehr und ein paar Service-Nummern, um Sportresultate oder den Wetterbericht abzufragen. Wen also anrufen, wenn mir die Nummern fehlen, die auf meinem Handy gespeichert wären? Ich entscheide mich für eine der wenigen Nummern, die ich – neben der eigenen – auswendig kenne. Jener meiner Eltern.

Für einen Anruf genügen noch immer 60 Rappen. Das Münz fällt durch den Schlitz. Man könnte auch mit der Kreditkarte oder mit einer Taxcard bezahlen, sofern man eine solche noch bei sich trägt. Kaum meldet sich die Stimme am anderen Ende der Leitung, erscheint auf dem Display die Aufforderung: «Guthaben läuft ab. Bitte weitere Münzen einwerfen.» Gefühlte 30 Sekunden dauert das Gespräch. Mitten im Satz bricht die Verbindung ab. Das Publifon kennt da keine Gnade. Der Summton schallt ins Ohr, während ich mein Portemonnaie nach passendem Kleingeld durchforste.

Übrigens: Ein bisschen ist die Telefonkabine dann doch in der Gegenwart angekommen. Daraus lässt sich eine SMS verschicken – auf würfelartigen Tasten getippt, unter ausschliesslicher Verwendung von Grossbuchstaben und jeglichem Verzicht auf Emojis. Das kommt einem fast vor, als müsste man eine E-Mail über ein Faxgerät versenden. (cw)

Die modernste Telefonkabine in St.Gallen: Zwischen Stadttheater und Tonhalle (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Die modernste Telefonkabine in St.Gallen: Zwischen Stadttheater und Tonhalle (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

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