PRO UND CONTRA: Dürfen Tote im Museum gezeigt werden?

Mumien, Schrumpfköpfe und andere Teile längst toter Menschen sind auch in unseren Museen zu finden. Ist das nötig? Zwei Mitglieder der St.Galler Stadt-Redaktion argumentieren.

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Sollen Mumien in einem Museum gezeigt werden? (Bild: Coralie Wenger)

Sollen Mumien in einem Museum gezeigt werden? (Bild: Coralie Wenger)

An die Seelen mag sich längt keiner mehr erinnern


(Elisabeth Reisp, Redaktorin Stadtredaktion)

Pro: Menschen werden nicht mehr aufgrund ihrer Hautfarbe oder Missbildungen ausgestellt. Tempi passati, Gottseidank. Die Gesellschaft verändert sich, mit ihr verändern sich Wertvorstellungen und Rechte. Die Diskussion, wie weit eine Ausstellung gehen darf, muss daher geführt werden. Und zwar immer wieder aufs Neue.

Müssig ist jedoch die Diskussion, ob ein Museum heute eine 3000 Jahre alte Mumie und einen über 200-jährigen Schrumpfkopf zeigen darf. Im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen werden menschliche Überreste nach ethischen Richtlinien zugänglich gemacht. Sie werden kontextuell eingebunden und in würdigem Ambiente gezeigt. Und wir reden hier von menschlichen Hüllen, an deren Seelen sich längst keiner mehr zu erinnern vermag. In krassem Gegensatz dazu stehen die Bilder von verstörten und verletzten Terroropfern, wie etwa von Manchester, die ungefragt gezeigt und im Moment des Betrachtens kaum kritisch hinterfragt werden.

Elisabeth Reisp (Bild: Urs Bucher)

Elisabeth Reisp (Bild: Urs Bucher)

Es gibt Terroropfer, denen Bilder von ihnen geholfen haben, das Geschehene zu verarbeiten. Das ist eine Typ-Frage. Ich würde mich meiner Würde beraubt fühlen, ginge ein Bild meines versehrten Ichs um die Welt. Völlig egal wäre mir aber, sollte in 3000 Jahren jemand mal meine Knochen ausstellen wollen.



Leichen und Leichenteile haben in Schaukästen nichts verloren


(Reto Voneschen, Redaktor Stadtredaktion)

Contra: Museen sind nicht Teil der Unterhaltungsindustrie. Das geht oft vergessen in einer Zeit, in der alles schneller, besser, grösser, effizienter und sparsamer sein muss. Museen sind Teil unseres kulturellen Erbes. Sie verwalten, erforschen, zeigen und erklären Sammlungen, mit denen sich Zusammenhänge in diversesten Gebieten sichtbar machen lassen. Dies bitte durchaus modern, gut gestaltet und interaktiv.

Der Druck auf Museumsverantwortliche, möglichst viel Publikum anzuziehen, ist gross. Das kann fatal sein. Plötzlich soll das Museum nicht mehr nur Wissen vermitteln, sondern auch mit Gruseleffekten aufwarten. Eine Folge sind fragwürdige Inszenierungen. In Extremform war das bei Gunther von Hagens «Körperwelten» der Fall: Er führte dem Volk ausgeweidete Menschen vor, obwohl es Modelle wohl auch getan hätten. Achtung vor der Würde des toten Menschen sieht irgendwie anders aus.

Reto Voneschen (Bild: Ralph Ribi)

Reto Voneschen (Bild: Ralph Ribi)

Es ist richtig: Die St.Galler Museen sind zurückhaltend mit dem Zeigen von Leichen- und Skelettteilen. Es wird aber auch bei uns gemacht, ohne dass es nötig wäre. Darum muss die Forderung sein: Leichen und Leichenteile haben in Schaukästen nichts verloren. Gerade auch, wenn die Geschichte, wie die Exponate zu uns kamen, problematisch ist. Und das ist bei vielen Stücken aus ehemaligen Kolonialgebieten der Fall.

Im St.Galler Völkerkundemuseum und im Historischen Museum aber auch in anderen Museen dieser Welt werden sterbliche Überreste von Menschen gezeigt.

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