Priester des Aufbruchs

Als Heinz Angehrn geweiht wurde, lebte die katholische Kirche vom Aufbruchsgeist der Konzilszeit. Ihm ist er treu geblieben. Morgen, am Ostersonntag, feiert er mit der Pfarrei sein 30-Jahr-Priesterjubiläum.

Josef Osterwalder
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Heinz Angehrn, katholischer Pfarrer von Abtwil, vor dreissig Jahren zum Priester geweiht. (Bild: Ralph Ribi)

Heinz Angehrn, katholischer Pfarrer von Abtwil, vor dreissig Jahren zum Priester geweiht. (Bild: Ralph Ribi)

Abtwil. Ein Priester hat viele Aufgaben, er ist Prediger, Seelsorger, Kultträger, Schriftgelehrter, Theologe, Sozialarbeiter. In welcher Rolle sieht sich Heinz Angehrn? «Am ehesten als <Verwalter des Heiligen> und als Theologe», antwortet er. Doch alle andern Rollen treffen auch auf ihn zu. Zum Beispiel die des «Seelsorgers». Nur ist er dies nicht in einem landläufigen Sinne. Er will den Menschen nicht die Direktiven der Kirche vermitteln, sondern sie zum eigenen, freien Gewissensentscheid hinführen.

Der Ruf an Abraham

Freiheit, dies ist für Heinz Angehrn zu einem Leitwort geworden. Kein Zufall wohl, dass er vor dreissig Jahren am Gründonnerstag, während des Abendmahlsgottesdienstes, geweiht wurde. Dieser knüpft beim Auszug Israels aus Ägypten an, beim Ruf in die Freiheit. Im gleichen Sinne wählt er auch die Bibelstelle für den Primizgottesdienst: den Ruf an Abraham: «Zieh weg aus deinem Land, aus deinem Vaterhaus…» Auch morgen wird in der Messe derselbe Text gelesen werden.

Dies alles gehört zwar zur zentralen Botschaft der Kirche, an den Aufbruch Abrahams erinnert auch die Liturgie des Gallusfestes, doch von Aufbruchstimmung ist bei der heutigen kirchlichen Grosswetterlage nicht viel zu spüren. Rom zelebriert den Rückwärtsgang; die Restauration hat Oberhand gewonnen.

Wer dennoch dem Geist der Freiheit anhängt, wird «zornig, kämpferisch, im schlimmsten Fall zynisch»; so schreibt Heinz Angehrn in der April-Nummer des Abtwiler Pfarrblatts: ein Kampf um jene Freiheit, die in der Kirche selbstverständlich sein müsste.

Das Feuer der Reform

Heinz Angehrn ist in der Dompfarrei aufgewachsen, hat ministriert, in der Kantonsschule den Religionsunterricht besucht, beides aber nicht, um sich anzupassen, sondern den eigenen Weg zu finden. Dass er sich dann für die Theologie entschloss, hatte manche überrascht. Doch damals war selbständiges, unabhängiges Denken an theologischen Fakultäten nicht nur geduldet, sondern gefordert. Im Studium in Luzern und München erlebte Heinz Angehrn etwas vom Feuer, das auch seine Mutter beseelt hatte: «Sie hat fast alle Sessionen der Synode 72 in Wil besucht und mir begeistert erzählt, wie sich seit Papst Johannes XXIII. nun in der Kirche alles zum Guten wende.» Ihr und seinen Lehrern bleibt er treu, wenn er heute im Religionsunterricht junge Menschen in ihrem Fragen, Suchen ernst nimmt; wenn er ihnen Texte aus Bibel und Theologie vorlegt, an denen sie kauen müssen. «Ich gebe leidenschaftlich gern Unterricht», sagt er zu seiner Rolle als Theologe.

Und der Priester? Je seltener es in der Kirche noch Priesterweihen gibt, umso mehr verbindet sich diese mit einem Nimbus. Bei Heinz Angehrn ist eher das Gegenteil der Fall. Er sieht sich in diesem Amt als «Verwalter des Heiligen». Der Nimbus muss sich nicht um ihn legen, sondern um das Heilige, das seine Präsenz unter den Menschen sucht.

Diesem «Heiligen» möchte er ein guter Verwalter sein, überzeugt, dass es ein Urbedürfnis nach dem Numinosen, dem Geheimnis gibt. Da schwingt beim Abtwiler Pfarrer auch seine Begeisterung für die grossen Gesten der spätromantischen Musik mit. Die Liebe zu Komponisten, die wie Bruckner die ganzen Abgründe menschlichen Sehnens und Ahnens ausloten und zum Klingen bringen. Sie zeigen, was Liturgie im besten Sinne sein könnte.

«Sieg über den Tod»

Als Heinz Angehrn vor der Berufswahl stand, musste er zwischen drei grossen Wünschen entscheiden: Theaterregisseur, Journalist oder Priester. Er ist dem einen gefolgt, ohne die andern ganz zu verabschieden.

Die Theaterwelt ist bei ihm da, wenn er in verschiedenen Projekten Musik und Literatur inszenieren und zur Botschaft werden lässt.

Und auch in den Journalismus ist er mehr und mehr hineingewachsen, namentlich durch seinen Einsatz für eine offene Kirche. Über das Dialogfeld von www.kath.ch gelangt man zu seinem Blog, auf dem er unverblümt seine Meinung sagt. Etwa zu Ostern: «Sieg über den Tod… und alle religiösen und theologischen Kompromisse.»