PRÄVENTION: Die Vermittler im Emotionsbad Fussball

Seit fünf Jahren setzt die Fanarbeit St. Gallen auf Dialog und vermittelt zwischen Fans, Verein und Polizei. Mit Erfolg. Reto Lemmenmeier und Thomas Weber erzählen, warum eine gute Beziehung zu den Fans wichtig ist und wo sie an Grenzen stossen.

David Gadze
Drucken
Teilen
Reto Lemmenmeier (links) und Thomas Weber im alten Fanlokal. (Bild: Ralph Ribi)

Reto Lemmenmeier (links) und Thomas Weber im alten Fanlokal. (Bild: Ralph Ribi)

David Gadze

david.gadze@tagblatat.ch

Am Samstag beginnt die neue Fussballmeisterschaft. Ab dann sind nicht nur die Spieler des FC St. Gallen, sondern auch Thomas Weber (33, Sozialarbeiter), Reto Lemmenmeier (36, soziokultureller Animator) und Manuel Dudli (30, Sozialpädagoge) von der Fanarbeit St. Gallen praktisch jedes Wochenende im Einsatz. Denn sie sind an allen Spielen dabei. Thomas Weber und Reto Lemmenmeier sind die «alten Hasen» im Dreierteam: Weber ist Fanarbeiter seit Anfang 2012, als das Projekt ins Leben gerufen wurde. Lemmenmeier ist nun seit vier Jahren dabei.

Die Fanarbeit St. Gallen ist nun fünf Saisons alt. Wie beurteilen sie die Entwicklung seit der Gründung?

Weber: Insgesamt sehr positiv. Zusammen mit den Fans, der Polizei, dem FCSG, den Sicherheitsverantwortlichen und der Politik ist es uns gelungen, an den Heimspielen eine weitgehende Entspannung der Situation herbeizuführen. Letztlich verfolgen alle dasselbe Ziel: friedliche Fussballspiele.

Die sozioprofessionelle Fanarbeit ist ein relativ junges Phänomen. Warum braucht es sie?

Weber: Ein zentraler Punkt ist, dass wir eine neutrale Rolle einnehmen und dadurch zwischen Fans, Verein, Polizei und anderen Beteiligten vermitteln können. Da wir unabhängig sind, können wir eigene Haltungen entwickeln und einbringen und müssen nur unsere eigenen Grundsätze vertreten. Ohne die Anerkennung für die Fanarbeit geht es aber nicht. Ausserdem zieht der Fussball Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus an. Hier versuchen wir als Kontaktstelle Zugänge zu schaffen.

Was können Sie konkret bewirken?

Lemmenmeier: Im Prinzip betreiben wir eine Art Offene Jugendarbeit, nur liegt unser Fokus auf Fussballfans und ihren Bedürfnissen. Wir führen Gespräche, sind da, um zu beraten oder Konflikte zu lösen. Und wir beschäftigen uns mit Gruppenprozessen. Die gesellschaftlichen Probleme, die sich im Umfeld von Sportveranstaltungen spiegeln, können wir aber nicht lösen.

Weber: Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist, die positiven Aspekte dieser Jugendkultur zu fördern. Deshalb ist die Mitbestimmung der Fans in bestimmten Angelegenheiten so wichtig. Auch wenn es nur darum geht, beispielsweise die Aufgänge zu den Stehplätzen im Stadion selber zu gestalten. Die Bedeutung solcher Fananliegen wird inzwischen vom Verein erkannt. Das stärkt das gegenseitige Verständnis.

In der öffentlichen Wahrnehmung gehen solche positiven Aspekte oft unter. Stattdessen rücken negative Dinge wie Ausschreitungen zwischen Fangruppen oder Sachbeschädigungen in den Mittelpunkt. Ist es ein Kampf gegen Windmühlen?

Weber: Nein. Wir können differenzieren. Die negativen Aspekte sind nur ein Teil des Ganzen. Man darf sie nicht negieren, aber auch nicht überbewerten. Denn insgesamt überwiegt das Positive. Wenn man wie wir fast täglich mit einzelnen Fans oder ganzen Fangruppen zusammenarbeitet, erkennt man den Wert unserer Arbeit. Wir müssen sie aber auch nicht überhöhen, wir können nicht alles lösen. Es braucht ein Gleichgewicht zwischen Prävention und Repression.

Zuletzt sorgte die Massenschlägerei zwischen Anhängern des FC St. Gallen und des FC Basel auf einer Wiese in Guntershausen für Schlagzeilen. Werden solchen Ereignisse zusammen mit den Fans aufgearbeitet?

Weber: Natürlich. Das ist ein wesentlicher Teil unseres Jobs. Das kann, je nach Ausmass, von einem Einzelgespräch bis zu einer Krisensitzung gehen. Wir haben in all den Jahren aber gelernt, dass es wichtig ist, den langfristigen Fokus zu behalten und nicht aufgrund einzelner Vorkommnisse alles zu hinterfragen.

Wie offen sind solche Gespräche?

Lemmenmeier: Das kommt ganz auf das Ereignis und die involvierten Personen an. Einige kommen von sich aus zu uns und erzählen offen über sich. Diese Offenheit ist kostbar. Denn die Beziehung zu den Fans ist sehr wichtig für unsere Arbeit. Gleichzeitig können wir dadurch aber auch in ein Spannungsfeld geraten.

Weber: Die Fans wissen, dass sie uns vertrauen können. Wir werden niemanden bei der Polizei denunzieren, ausser es handelt sich um ein wirklich schweres Vergehen. Das ist nicht unsere Aufgabe, und das respektiert auch die Polizei. Dadurch ist es für uns leichter, Anliegen von aussen in die Kurve zu tragen.

Selbstbestimmung ist ein wichtiges Gut der Ultra-Gruppen. Wie kommt es an, wenn Sie die Fans beispielsweise in Extrazügen bei Fehlverhalten massregeln?

Weber: Wenn wir Fehlverhalten beobachten, müssen wir das ansprechen. Wir versuchen, so früh wie möglich zu intervenieren, mit den Schlüsselpersonen der Fangruppen zu reden und so die Selbstregulierung anzukurbeln. Denn unser Einfluss hat seine Grenzen. Manchmal gibt es eine Gruppendynamik, auf die wir kaum einwirken können. Unsere Rolle ist aber klar definiert: Wir sind nicht für Ordnung und Sicherheit zuständig. Und wir übernehmen keine Verantwortung für das Handeln einzelner Personen. Lemmenmeier: In der Regel werden solche Interventionen akzeptiert. Manchmal müssen wir uns einen blöden Spruch anhören, aber das muss man ertragen können. Grundsätzlich gibt es für uns keine Tabus. Und kaum Themen, bei denen wir auf taube Ohren stossen.

Sie haben die Beziehungen angesprochen, die für Ihre Arbeit wichtig sind. Wie viel Nähe zu den Fans darf sein, wie viel Distanz muss bleiben?

Weber: Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Grundsätzlich gilt: Diese Beziehungen sind unser grösstes Kapital. Wie viel Nähe und Distanz es braucht, ist sowohl von der Person als auch von der Situation abhängig. Es ist eine grosse Herausforderung, das richtige Mass zu finden. Man braucht ein gutes Gespür dafür, wo die Grenzen sind. Mit einem Jugendlichen, mit dem ich gerade ein Einzelgespräch geführt habe, kann ich nicht anschliessend ein Bier trinken gehen. Mit einem älteren Fan, den ich schon länger kenne, allenfalls schon. Aber auch dann muss die Grenze zwischen Beruf und Bier klar sein.

Lemmenmeier: Bei allem Vertrauen, das einem die Fans entgegenbringen, muss man sich seiner Rolle immer bewusst sein. Die Nähe kann von Person zu Person variieren, aber wir bleiben Fanarbeiter. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Im Stadion mit den Fans ein Bier zu trinken, geht nicht.

Wo setzt die Fanarbeit St. Gallen künftig Schwerpunkte?

Lemmenmeier: Es gibt verschiedene Projekte, an deren Umsetzung wir derzeit arbeiten oder die wir vertiefen, etwa das Projekt U16, bei dem wir Jugendliche unter 16 Jahren an Auswärtsfahrten begleiten und an die Fankultur heranführen.

In welchen Bereichen sehen Sie noch am meisten Handlungsbedarf?

Weber: Vor allem in der Zusammenarbeit bei Auswärtsspielen. In St. Gallen sind wir so weit, dass bei Zwischenfällen alle Beteiligten der Situation angepasste deeskalierende Massnahmen ergreifen können. In einigen anderen Städten wird hingegen nach starrem Schema gearbeitet. Dies erschwert den Dialog und kann Spannungen verstärken. Hier gibt es sicherlich Verbesserungsbedarf. Eine ständige Herausforderung bleibt auch, den jetzigen Zustand in St. Gallen zu erhalten.

www.fanarbeit-stgallen.ch