Prächtig, schwer und alt

Am Sonntag erklingt ein einzigartiges Glockenkonzert. Hans Jürg Gnehm kennt die Instrumente bestens. Er hat diese Glocken inventarisiert, ihre Geheimnisse und Besonderheiten untersucht und teilt sein Wissen bald mit der Öffentlichkeit.

Kathrin Reimann
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Die Grösste: Dreifaltigkeitsglocke im Dom. (Archivbild: Hannes Thalmann)

Die Grösste: Dreifaltigkeitsglocke im Dom. (Archivbild: Hannes Thalmann)

Unzählige Male ist der Glockenexperte Hans Jürg Gnehm die Treppen in den Stadtsanktgaller Kirchtürmen hinaufgestiegen, um das Geläute der Glocken zu erfassen, ihre Gestalt zu beschreiben und den Glockenstuhl zu charakterisieren. Im Auftrag der städtischen Denkmalpflege legte er von 2003 bis 2006 ein minutiös angefertigtes Inventar aller St. Galler Glocken an. Dieses gibt Auskunft über jede einzelne Kirchenglocke in der Stadt.

Klangaufbau und Verzierungen

«Zur Datenerfassung gehörte das Festhalten des Klangaufbaus mittels Glockenstimmgabeln, das Erfassen der Inschriften, das Beschreiben der figürlichen Darstellungen und der Zierfriese», sagt Gnehm. Auch wurden die Masse jeder zu beschreibenden Glocke sowie ihre wichtigsten technischen Elemente festgehalten. «Das Inventar bezeugt eine sehr reiche, vielfältige und kulturell hochwertige St. Galler Glockenlandschaft.»

Im Rahmen des Glockenkonzertes (siehe Zweittext), welches am Sonntag zwischen 14.35 und 15.10 Uhr 118 Glocken in 29 Kirchtürmen orchestriert, wurde ein Teil des von Gnehm zusammengetragenen Inventars im Internet in Form von Audio- und Bilddateien für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Eine Veröffentlichung des ganzen Inventars in Form eines Buches oder im Internet ist zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls vorgesehen.

Der tiefste Ton der Schweiz

Für den Glockenexperten aus Affeltrangen ist die prachtvollste städtische Glocke diejenige von St. Laurenzen. «Sie ist nach der grossen Domglocke die zweitschwerste der Stadt und wiegt 5900 Kilo. Auf ihrer Flanke ist das von zwei Engeln gehaltene Wappenschild der Stadt zu sehen. Die Kronenbügel sind als sitzende Bärenfiguren gestaltet.»

Gegossen wurde die Glocke 1852 von Carl Rosenlächer in Konstanz. «Das Prachtvolle machen meiner Ansicht nach der schöne, sonore und ausdrucksvolle Klang und die respektable Grösse aus.» Gnehm glaubt nämlich, dass es die schwerste Glocke ist, die während der rund 500 Jahre dauernden Konstanzer Glockengiesser-Tradition geschaffen worden ist.

Die grösste Glocke der Stadt hängt allerdings im Dom. Die Dreifaltigkeitsglocke wurde 1768 vom Zuger Glockengiesser Peter Ludwig Kayser erschaffen. «Es handelt sich um die Glocke mit dem tiefsten Ton in der ganzen Schweiz», sagt Gnehm. Zwar habe die grosse Glocke des Berner Münsters denselben Schlagton, dieser sei in der Stimmung jedoch leicht höher.

Nicht gegossen, genietet

Die älteste Glocke der Stadt hängt in der Kathedrale beim Chor: die Gallusglocke. «Von dieser nimmt man zu recht an, dass sie durch die irischen Glaubensboten zuerst nach Bregenz und hernach nach St. Gallen kam», sagt Gnehm. Sie sei auch nicht gegossen, sondern aus genietetem Blech gefertigt. «Die Glocke im Dachreiter des Waaghauses stammt aus dem 15. Jahrhundert, und die älteste im Konzert eingesetzte Glocke ist die kleinste des Domes, die sogenannte Armenseelenglocke.»

Eine musikalisch ungewöhnliche Glocke hängt derweil im Kirchgemeindehaus Grossacker. «Der Klangaufbau einer einzelnen Glocke ist in aller Regel in Moll gehalten», sagt Gnehm. Diese Glocke jedoch habe einen äusserst selten vorkommenden Klangaufbau, nämlich in Dur. «Dieser Umstand verleiht ihr einen eigenwillig-schönen, nasalen Klang.» Auf ihr prange ausserdem das Brustbild des Reformators Vadian sowie ein Alpha und Omega samt Christusmonogramm. Diese Glocke wurde in der Glockengiesserei Karlsruhe im Jahre 1959 geschaffen.

Ungewöhnliche Übersetzung

Eine ungewöhnliche Inschrift findet man auf der Glocke der römisch-katholischen Kirche St. Fiden. «In grosser Schrift sind auf den Glocken Inschriften in lateinischer Sprache eingegossen. Darunter – was völlig ungewöhnlich ist – die eher zurückhaltender gestaltete deutsche Übersetzung», sagt Gnehm. Schon vorher hören und sehen kann man alle Glocken, die am Konzert erklingen, im Internet.

www.zusammenklang.com

Bären-Details an der Glocke in St. Laurenzen. (Bilder: pd/Hans Jürg Gnehm)

Bären-Details an der Glocke in St. Laurenzen. (Bilder: pd/Hans Jürg Gnehm)

Vadian-Detail auf der Glocke im Grossacker. (Bild: Gnehm)

Vadian-Detail auf der Glocke im Grossacker. (Bild: Gnehm)

Die Älteste: Gallusglocke im Dom. (Bild: Gnehm)

Die Älteste: Gallusglocke im Dom. (Bild: Gnehm)

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