Polizei entert Zollfrei-Schiff

Abseits heutiger Schlagzeilen: Der Rorschacher Hafen dient Freizeitvergnügen; wenn eine Schifffahrt über die Landesgrenze führt, spielen Personenkontrollen und Zollfragen nur kleine Rollen. Kaum mehr vorstellbar, dass die Polizei «Zollpiraten» auf einem Schiff jagt.

Fritz Bichsel
Drucken
Teilen
So friedlich wie jetzt beim Einlaufen von Passagierschiffen war der Rorschacher Hafen 1974 nicht, weil ein Zollfrei-Schiff auftauchte. (Bild: Urs Bosshard)

So friedlich wie jetzt beim Einlaufen von Passagierschiffen war der Rorschacher Hafen 1974 nicht, weil ein Zollfrei-Schiff auftauchte. (Bild: Urs Bosshard)

RORSCHACH. Schiffe, Boote, Pedalos – die Rorschacher Seebucht ist ein ruhig-friedlicher Ort für die Freizeit. Leute gehen von einem Schiff aus Deutschland im Hafen an Land. Ohne grosse Formalitäten. Einreisebestimmungen gibt es zwar nach wie vor, kontrolliert wird aber nicht mehr direkt an der Grenze. Auch Zölle erhebt die Schweiz noch, doch für Wareneinfuhr – oder zum Schmuggeln – gibt es geeignetere Wege.

Hohn und Spott für die Polizei

Ganz anderes lief es im August 1974, wie der frühere Rorschacher Stadtammann Ernst Grob als Augenzeuge im Tagblatt berichtete: «Um 21.30 Uhr kam das ordnungsgemäss avisierte Motorschiff «Österreich» zum vorgesehenen zehnminütigen Halt in den Rorschacher Hafen. Es war bekannt, dass es sich um das «Butterschiff» handelte, auf dem ein schwedischer Staatsangehöriger zollfreie Ware – wie angenommen werden muss auf legale Weise – den Schiffspassagieren zum Kauf anbietet.

Nach dem Anlegen des Schiffes stellte sich das Boot der Lebensrettungs-Gesellschaft mit polizeilicher Besetzung im Hafenausgang auf. Vor dem Zollamtsraum war ein Wagen, ebenfalls mit polizeilicher Besetzung, aufgestellt. In das Schiff stiegen zwei Polizisten des Rorschacher Postens in Zivilkleidung. Kurz darauf gab Björn Sunne bekannt, dass er ein zehnjähriges Einreiseverbot in die Schweiz habe und nun verhaftet werden solle.

» Doch der Schwede weigerte sich – erfolgreich, wie Ernst Grob weiter festhielt: «Nach etwa anderthalbstündigem Aufenthalt, wobei es fast 23 Uhr war und Anstrengungen gemacht wurden, die 390 Fahrgäste mit einem anderen Schiff an ihren Bestimmungsort zu bringen, kam von Sunne über Mikrophon die Erklärung, die Polizei habe aufgegeben. Unter Spott- und Hohnrufen der Fahrgäste verliess die Polizei das Schiff.»

Protest von Nachbarländern

Wie der frühere Stadtammann empörten und schämten sich auch viele Zuschauer. Die Aktion führte zu internationaler Verstimmung: Protest gegen das Entern eines österreichischen Schiffes durch Schweizer Polizisten, Ärger über das Aufhalten deutscher Passagiere bis in die Nacht. Und Björn Sunnes Geschäfte warfen Wellen bis in die internationale Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD.

Wie das Tagblatt aufzeigte, hatte er in Zollparagraphen und aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über den Bodensee als nationales oder internationales Gewässer eine Marktlücke entdeckt. Er vermied Zollabgaben mit einem Schiff aus Österreich, das nur in Deutschland Fahrgäste aufnahm und kurz auch die Schweiz streifte. Damit kopierte er Zollfrei-Schiffe in der Ostsee.

In Rorschach legte das von den ÖBB gemietete «Butterschiff» nicht an, sondern verweilte nur einige Minuten in Ufernähe. Bald wollten weitere Leute in dieses Geschäft einsteigen. Das verhinderte die Änderung von Zollvorschriften.

Flugplatzprojekt in Samnaun

Die Polizeiaktion galt nicht diesen, sondern früheren Zollfrei-Geschäften von Sunne in der Schweiz. Er war bereits als Student geschäftstüchtig mit Billig-Skiferien in Polen.

Vertreter anderer Länder nutzten seine Kanäle, um in «Diplomatengepäck» Waren nach Polen einzuführen – bis Zöllner nicht mehr mitmachten. Dann ging Sunne daran, zollfrei Zigaretten in die Schweiz zu liefern. Im Zollausschlussgebiet Samnaun begann er mit dem Bau eines Flugplatzes. Weil die Eigentümerin starb, endete aber der Pachtvertrag. Also versuchte es Sunne über den Flugplatz Samedan, zudem auf ganz einfachem Weg mit Postpaketen.

Schweizer Instanzen sprachen ihn Vergehen gegen Zollbestimmungen schuldig und verhängten ein Einreiseverbot. Das Bezirksgericht Rorschach musste beurteilen, ob er dagegen verstiess mit seinen Schifffahrten nach Rorschach. Es sprach ihn aber frei: Eine kurze Fahrt über die Grenze sei noch keine Einreise.

Nochmals Aufsehen mit Fähre

Weitere Geschäfte von Sunne lösten in Rorschach gut zehn Jahre später wieder Diskussionen aus.

Er hatte die ausgemusterte Fähre «Konstanz» gekauft und wollte sie zu einem Vergnügungsschiff umbauen. Diese Idee übernahm Reto Breitenmoser, der das Schiff an einer künstlichen Insel beim Seerestaurant Rorschach verankern wollte. Das Bewilligungsverfahren lief an und das schrottreife Schiff wurde über den Bodensee geschleppt. Doch die Pläne scheiterten 1988 und die «Konstanz» wurde später verschrottet.

Björn Sunne auf dem «Butterschiff», mit dem er 1974 täglich vor Rorschach auftauchte, wo ihn die Polizei fassen wollte. (Bild: Tagblatt-Archiv/Künzler)

Björn Sunne auf dem «Butterschiff», mit dem er 1974 täglich vor Rorschach auftauchte, wo ihn die Polizei fassen wollte. (Bild: Tagblatt-Archiv/Künzler)