Polizei bewilligt Koran-Verteilung

ST.GALLEN. Am Samstag hat die Stiftung «Lies! – die wahre Religion» beim Vadian-Denkmal Korane verteilt. Nicht zum erstenmal. Der Gruppierung wird vorgehalten, Männer für den Jihad zu rekrutieren. Die Stadtpolizei hatte die Standaktion bewilligt.

Daniel Wirth
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Dieser junge Mann aus Arbon soll Korane verteilt haben, bevor er nach Syrien in den Jihad gezogen ist. (Bild: YouTube)

Dieser junge Mann aus Arbon soll Korane verteilt haben, bevor er nach Syrien in den Jihad gezogen ist. (Bild: YouTube)

Ein 21jähriger Arboner kämpft seit vergangenem Jahr für einen Ableger der Al Qaida in Syrien. Der junge Mann mit türkischen Wurzeln soll früher im Oberthurgau integriert gewesen sein, habe Fussball gespielt und Parties gefeiert. Vor circa zwei Jahren soll er mit der «Lies!»-Bewegung in Kontakt gekommen sein. Die in Deutschland gegründete Gruppierung (siehe Zweittext «Koran für Nichtmoslems») verteilt in Städten in halb Europa den Koran an Fussgänger. Ihr Ziel ist eine möglichst grosse Verbreitung des Islams. «Lies!»-Initiant Ibrahim Abou Nagie ist bekannt für eine radikale Auslegung des Korans. Am Samstag hat die «Lies!»-Bewegung beim Vadian-Denkmal in der St. Galler Innenstadt Korane verteilt. Die Standaktion war von der Stadtpolizei bewilligt worden, wie ihr Sprecher Dionys Widmer gestern gegenüber dem Tagblatt sagte. Die Aktion sei friedlich verlaufen, sagt er. Die umstrittene Bewegung habe auch nicht zum erstenmal Korane verteilt in der Gallusstadt, erklärt Widmer.

Keinen Grund für Ablehnung

Die Bewegung «Lies! – die wahre Religion» sei keine verbotene Organisation. Aus diesem Grund sehe die Stadtpolizei auch keinen Anlass, ein Gesuch der Bewegung um eine Standaktion abzulehnen. Wie bei anderen Gruppierungen, die in der Stadt eine Standaktion durchführen, habe die Polizei auch am Samstag bei der Koran-Verteilung vorbeigeschaut und kontrolliert, ob alles mir rechten Dingen zu- und hergehe. Das sei der Fall gewesen, sagt der Polizeisprecher. Er begründet die Bewilligung für die Koran-Verteilung auch mit der Religions- und Versammlungsfreiheit. Dieses Recht hält auch der St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann hoch. Nur: Reimann, einer der geistigen Väter der Minarett-Initiative, rät den Behörden, bei der «Lies!»-Bewegung «ganz genau hinzuschauen», wie er gestern auf Anfrage sagte. Denn in deutschen Medien werde berichtet, dass jeder fünfte Jihad-Kämpfer von «Lies! – die wahre Religion» rekrutiert werde. Demnach wäre der mutmassliche Jihad-Kämpfer aus Arbon kein Einzelfall. Doch nur wenn ein Zusammenhang zwischen der «Lies!»-Bewegung und der Al Qaida oder anderen terroristischen Organisationen nachgewiesen werden könnte, hätten Behörden eine Handhabe, Aktionen wie diejenige in St. Gallen zu untersagen.

CVP-Präsident «nicht erfreut»

Michael Hugentobler, Präsident der CVP der Stadt St. Gallen und Präsident der CVP/EVP/BDP-Fraktion im St. Galler Stadtparlament, hat Verständnis dafür, dass die Stadtpolizei die Standaktion der «Lies!»-Bewegung bewilligte. Erfreut über die Aktion an sich war der Christlichdemokrat indessen nicht. Religion sei dann etwas Gutes, solange sie vernünftig ausgelegt werde. Er habe auch Mühe damit, sagt Michael Hugentobler, wenn christliche Gruppierungen auf der Strasse Bibeln verteilten.

Markus Knaus, Präsident der Evangelischen Volkspartei (EVP) des Wahlkreises St. Gallen und Stadtparlamentarier, stösst ins gleiche Horn wir sein Fraktionskollege: «Der Stadtpolizei blieb nichts anderes übrig, als die Aktion zu bewilligen.» Knaus hält es für problematisch, dass eine Koran-Übersetzung verteilt wurde. Knaus: «Der Interpretationsspielraum ist hier recht gross.»

Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) hält fest, dass Koran-Verteilungen keine Bedrohung der inneren und äusseren Sicherheit darstellen.

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