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POLITWIRREN: Wahlzirkus am Obersee

Der Wahlkampf in Rapperswil-Jona nimmt immer absurdere Züge an. Im Zentrum des Geschehens steht ein umstrittener Verleger.
Roman Hertler
Der Verleger der «Obersee-Nachrichten» hat die Parteienlandschaft in Rapperswil-Jona gehörig aufgemischt. (Bild: Ralph Ribi)

Der Verleger der «Obersee-Nachrichten» hat die Parteienlandschaft in Rapperswil-Jona gehörig aufgemischt. (Bild: Ralph Ribi)

RAPPERSWIL-JONA. Beschaulich liegt es da am Zürichsee. Der Hafen, das Schloss, die Altstadt: Rapperswil-Jona ist ein Postkarten-Idyll. Auch finanziell geht es der Stadt hervorragend. Einzig der Stau ist ein Ärgernis. Zweimal pro Werktag schiebt sich eine Blechlawine durch die zweitgrösste Stadt im Kanton. 2011 lehnte das Stimmvolk einen Tunnel ab. Gelöst ist das Problem bis heute nicht. Dafür wird dem Stadtrat bisweilen Untätigkeit vorgeworfen, trotz unzähliger Infoveranstaltungen und Workshops. Der Verkehr ist aber nicht der einzige Grund für den aktuellen Wahlzirkus, bei dem es um Machtspiele und persönliche Animositäten geht.

Für die Erneuerungswahlen des siebenköpfigen Stadtrats Ende September bewarben sich gleich drei wilde Kandidaten für das Stadtpräsidium. Im Wahlkampf traten die drei gemeinsam auf. Der aussichtsreichste Kandidat war der parteilose Bruno Hug, Verleger des Gratisblatts «Obersee-Nachrichten» (ON). Er überflügelte den amtierenden Stadtpräsidenten Erich Zoller (CVP) im ersten Wahlgang. Bereits im Vorfeld war gemunkelt worden, dem Sprengkandidaten sei es einzig darum gegangen, Zollers Wiederwahl zu verhindern. Dieser Verdacht erhärtete sich, als Hug eine Woche nach dem Urnengang erklärte, er werde im zweiten Wahlgang am 6. November nicht mehr antreten. Den Rückzieher begründete er damit, er hätte sich zu lange ins Amt einarbeiten müssen, wäre nur ein Übergangspräsident gewesen und sei ja immerhin schon 62.

Alte Feinde sehen sich vor Gericht

Bereits 2011 gerieten Erich Zoller und Bruno Hug aneinander. Damals kandidierte Zoller fürs Stadtpräsidium und wurde in den ON angeschossen. Hug beschrieb Zoller als «Guttenberg von Rapperswil», weil dieser in seinem Lebenslauf ein abgebrochenes HSG-Studium verschwiegen hatte. Nur knapp entging Zoller damals einem zweiten Wahlgang. Seit zwei Jahren spitzt sich die Situation zwischen Hug und den Stadtoberen weiter zu. 2014 startete Hug seinen Kreuzzug gegen die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Linth und dessen Präsidenten. In immer neuen Artikeln kritisierten die ON, die Kesb pfusche mündigen Bürgern grundlos und eigennützig ins Leben. Die Vorwürfe sind bis heute unbewiesen. Den medialen Attacken waren auch der Stadtpräsident und der zuständige SP-Stadtrat Pablo Blöchlinger ausgesetzt. Handkehrum wird Hug vorgeworfen, er halte sich mit seiner einseitigen Berichterstattung nicht an journalistische Grundprinzipien, drücke auf die Tränendrüse und biete angeblichen Behördenopfern eine Plattform, um ihre «Leidensgeschichte» unhinterfragt auszubreiten. Mittlerweile haben die Kesb und die Stadt die ON wegen mehrfacher Persönlichkeitsverletzung eingeklagt.

Ein Charakterkopf mischt die Parteien auf

Bruno Hug trägt viele Beinamen: Lokalkönig, Aussenseiter, Wohltäter, Anwalt der kleinen Leute, Manipulator, Mini-Berlusconi. Er polarisiert. An der Fasnacht hiess es, er habe seinen Maserati mit Kaschmir-Gurten ausstaffieren lassen. Als Unternehmer hat er jedenfalls den richtigen Riecher. Mit der Gründung der ON besetzte er erfolgreich eine mediale Nische. Als Präsident und Delegierter des Verwaltungsrats führte er den Schlittschuhclub Rapperswil-Jona zwischen 1986 und 2010 aus den Schulden und in die oberste Liga. Und der Pizzalieferdienst Dieci ist ebenfalls eine Schöpfung Hugs, noch heute hält er Anteile an der Firma. Hug werden Innovationsgeist und Engagement nachgesagt, aber auch Unzimperlichkeit und umstrittene Methoden. Sicher ist: Hug hat die politische Landschaft in der Rosenstadt durcheinander gewirbelt. Mittlerweile liegen sich die Parteien in den Haaren, die sich die bisherigen Stadtratsposten im ersten Wahlgang noch zugehalten haben. Es brauchte den parteilosen «Königsmörder», wie die «NZZ am Sonntag» Bruno Hug nannte, um die Parteien gegeneinander aufzuscheuchen.

Immer rauher wird der Ton zwischen der FDP und der CVP. Der Streit entzündete sich eine Woche nach dem ersten Wahlgang, als Hug im Kulturlokal Kreuz in Jona bekanntgab, dass er nicht mehr antreten werde. Zugleich präsentierte er seinen neuen Wunschkandidaten: FDP-Anwalt Martin Stöckling, der Hug nahe steht und ihn bereits vor Gericht vertreten hatte. Vergangene Woche wurde zudem bekannt, dass Stöckling die Berichterstattung der ON teils juristisch unterstützt hat. Ein heikles Engagement: Das Gratisblatt hatte Zoller direkt angegriffen, weil er sich angeblich unrechtmässig um seine Enkelkinder gekümmert habe, nachdem Zollers Tochter wegen einer psychischen Erkrankung zur Behandlung in einer Klinik war. In einem Leserbrief meldet sich gestern Zollers Tochter in der «Südostschweiz» zu Wort: «Was ist das für ein Mensch, der andere aus Eigennutz öffentlich diffamiert und beleidigt, nur um sich die Türe zum Stadtpräsidium zu öffnen? Oder hat er noch einen Funken Anstand und zieht seine Kandidatur zurück?» In jener Phase sei er in die Berichterstattung nicht involviert gewesen, wehrte sich Stöckling gestern. Er muss sich aber die Frage gefallen lassen, ob er bei allfälligem Wahlerfolg nicht einfach ein Präsident von Hugs Gnaden sein werde. Stöcklings öffentlicher Satz zu Hug («ich mache es, Bruno, wenn du willst») ist mittlerweile stadtbekannt.

Für die CVP ist aber weniger Stöcklings Kandidatur ein Affront, sondern vor allem der Umstand, dass damals im «Kreuz» neben Hug und Stöckling auch der wiedergewählte FDP-Stadtrat Thomas Rüegg Platz als Moderator genommen hatte. Er begründete seine Anwesenheit damit, dass der Stadt in den letzten Jahren die Dynamik gefehlt habe, die nach der Fusion von Rapperswil und Jona 2007 spürbar gewesen war. Nun verstehe er sich als Brückenbauer zwischen alter und neuer Zeit. Aus Sicht der CVP sass aber nicht nur ein «Brückenbauer» neben Hug und Stöckling, sondern auch ein wiedergewählter Stadtrat, der seinem bisherigen Amtskollegen Erich Zoller die Loyalität verweigerte. Die parteipolitischen Gehässigkeiten gipfelten jüngst damit, dass die CVP Stöckling nebst politischer Unerfahrenheit wirtschaftliches Unvermögen vorwarf, weil dieser als Verwaltungsrat einer mittlerweile Konkurs gegangenen Solothurner Türenfabrik versagt habe.

Nachdem Hug Stöckling ins Spiel gebracht hatte, witterten weitere Kandidaten Morgenluft. Da ist zum einen der parteilose Hubert Zeis, der seinerzeit die Kampagne gegen die von Stadt und Kanton vorgeschlagene Tunnelvariante erfolgreich angeführt hatte. Für einige nicht ganz überraschend meldete auch Rahel Würmli, im Frühjahr zurückgetretene Stadträtin der UGS (unabhängig, grün, sozial), ihr Interesse für das Präsidialamt an. Mittlerweile hat die CVP auch intern auf die Schlappe im ersten Wahlgang reagiert und liess ihren Stadtpräsidenten fallen. Dafür hob sie Peter Göldi auf den Schild, der bis vor kurzem als Gemeindepräsident von Gommiswald amtete und heute Leiter der Regionalplanungsgruppe im Linthgebiet ist. Mit ihm rechnen sich die Christdemokraten mehr Chancen aus als mit dem angeschlagenen Zoller. Damit sind es bereits fünf Kandidaten für das Stadtpräsidium – also sogar eine Person mehr als im ersten Wahlgang.

Knatsch herrscht auch um den freien Stadtratssitz: Die Kampagne vor dem ersten Wahlgang bestritten die Linken (UGS und SP) gemeinsam. Jetzt buhlen beide getrennt um einen Sitz im Stadtrat, weil die SVP neu einen ihrer beiden bisherigen Sitze besetzt. Zumindest vorerst – denn sollte Stöckling Stadtpräsident werden, würde sein Stadtratssitz wieder frei und es käme zu einer dritten Wahlrunde.

Rapperswil-Jona als Sprungbrett für Politkarrieren

Weshalb ist dieser Posten derart begehrt? Wer begibt sich schon freiwillig in Bruno Hugs Schussfeld? Die Vergangenheit zeigt: Ein Exekutivamt in der Stadt am Obersee kann ein Sprungbrett für höhere politische Weihen im Kanton St. Gallen sein. Der aktuelle Regierungspräsident Martin Klöti war einst Rapperswiler Vizestadtpräsident. Erster Stapi nach der Fusion mit Jona war der heutige Finanzchef Beni Würth. Würths Vorgänger im Regierungsrat war Joe Keller, der in den 1990er-Jahren die Gemeinde Jona präsidiert hatte. Und bevor Hans Ulrich Stöckling – notabene der Vater des heutigen Stapi-Kandidaten Martin Stöckling – Regierungsrat wurde, war er in Jona Gemeindepräsident.

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