Politisieren mit Gott im Rücken

Bisher ist die Evangelische Volkspartei im Wahlkampf nicht besonders aufgefallen. Das überrascht allerdings nicht wirklich: Die EVP gehört zu den Stadtparteien mit treuer Stammwählerschaft. Ihre zwei Sitze scheinen nicht gefährdet.

Reto Voneschen
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Bild: Reto Voneschen

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In einer Zeit, in der die Landeskirchen für viele Bürgerinnen und Bürger an Bedeutung verlieren, scheint die EVP ein Anachronismus zu sein. Ihre Vertreterinnen und Vertreter politisieren nämlich ausdrücklich «auf der Basis der christlichen Werte Verantwortung, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit».

Im Parlament bilden die EVP-Vertreter seit Jahren zusammen mit der CVP eine Fraktion. Diese Zusammenarbeit ist alles in allem ein Erfolg, hat aber schon auch den Nachteil, dass die Kleinpartei manchmal etwas Mühe hat, sich ein eigenständiges Profil zu geben. Aufgefallen ist im laufenden Jahr einer der beiden EVP-Parlamentarier durch einen Vorstoss: Markus Knaus stellte Fragen zu Schulangeboten (darunter Sumo-Ringen), die auf fernöstlichen Religionen und Riten basieren und seiner Meinung nach christliche Grundwerte aus dem Unterricht zu verdrängen drohen.

Eine treue Stammwählerschaft

Der Anti-Sumo-Vorstoss hat Knaus zwar etliche hässige Reaktionen beschert, aber auch viel Medienpräsenz. Und bei der grossen Mehrheit der EVP-Wählerschaft dürfte der Positionsbezug nicht schlecht ankommen. Kurz vor den Wahlen so aufzufallen, ist für den Vertreter einer kleinen Partei, die am 25. September in erster Linie auf ihre Stammwählerschaft setzen muss, absolut kein Nachteil. Trotz der leichten Verluste in den Stadtwahlen 2008 und 2012 hat die EVP in zehn Tagen dank dieser treuen Wählerinnen und Wähler gute Chancen, die beiden Sitze im Stadtparlament wieder ins Trockene bringen zu können.

Mittepartei mit sozialem und ökologischem Gewissen

Die Wählerschaft der EVP rekrutiert sich in der Stadt St. Gallen vor allem aus christlichen, evangelischen und freikirchlichen Kreisen. Aufgrund ihrer Ausrichtung ist es der EVP in der Stadt bisher schwer gefallen, darüber hinaus neue Wählerschichten zu erschliessen. Dies auch, weil die Partei in vielen Fragen klassische Mitte-Positionen vertritt. Sie sind gekoppelt mit einem starken sozialen und ökologischen Gewissen. Die Positionierung wird von der Internet-Wahlhilfe Vimentis für die aktuelle EVP-Liste bestätigt. Der sogenannte Spider (Grafik rechts) zeigt das.

18 Männer und 11 Frauen auf der Liste

In den Wahlkampf um Sitze im St. Galler Stadtparlament ist die EVP diesmal mit 29 Kandidaturen gestiegen. Darunter sind 18 Männern und 11 Frauen. Sie haben ein Durchschnittsalter von gut 39 Jahren. Jüngster Kandidat ist mit Jahrgang 1997 Nasaren Jepanesan, der älteste mit Jahrgang 1960 Pastor Markus Stucky. Die Berufe der Kandidierenden sind breit gefächert. Auf der EVP-Liste treten mit Daniel Bertoldo und Markus Knaus auch die beiden Bisherigen erneut zur Wahl an.