Politikerin im Unruhestand

Es ist immer noch sommerlich heiss. Judith Stamm nimmt einen Schluck Mineralwasser. Sie rückt ihre Brille zurecht. Die alt Nationalrätin sitzt im Schatten auf einer Terrasse des Tertianums Gerbhof und Weiher an der Säntisstrasse 41 in Gossau. Hier ist sie zu Gast und wird referieren.

Merken
Drucken
Teilen
Alt Nationalrätin Judith Stamm geniesst ihre «ultimative Freiheit». (Bild: Michel Canonica)

Alt Nationalrätin Judith Stamm geniesst ihre «ultimative Freiheit». (Bild: Michel Canonica)

Es ist immer noch sommerlich heiss. Judith Stamm nimmt einen Schluck Mineralwasser. Sie rückt ihre Brille zurecht. Die alt Nationalrätin sitzt im Schatten auf einer Terrasse des Tertianums Gerbhof und Weiher an der Säntisstrasse 41 in Gossau. Hier ist sie zu Gast und wird referieren.

Ob sie noch politisch aktiv oder in einem Verein tätig ist? «Ich habe gar keine <Ämtli> mehr inne. Alle habe ich abgegeben», antwortet die 76-Jährige. Und fügt erklärend hinzu: «Ich lebe nun im Zeitalter der ultimativen Freiheit, wie ich es nenne.

Davon sind 50 Prozent Unruhestand. In den anderen 50 Prozent mache ich das, was ich will.» Als sie noch politisch tätig gewesen sei, habe immer jemand bestimmt, was sie wann und wo zu machen habe. Jetzt stelle sie ihren Terminkalender selber zusammen.

Postfach ersetzt Hund

Judith Stamm beginnt den Tag meist in einem Café. Dort lese sie Zeitungen. Danach begebe sie sich zu ihrem Postfach. Einen Briefkasten habe sie nicht. So komme sie zu etwas Bewegung: «Das Postfach ersetzt mir den Hund, sage ich immer.

» Der Gang zum Postfach nehme immer einige Zeit in Anspruch. Denn oft treffe sie jemanden, den sie kenne. «Man kennt sich halt in Luzern», sagt Judith Stamm.

Das Mittagessen bereite sie manchmal für Freundinnen zu. «Ich bin zwar nicht die beste Köchin, aber ein Hackbraten, ein <Chäs-Birä-Uflauf> gelingt mir immer.» Am Nachmittag halte sie oft Siesta. Nicht der Müdigkeit wegen, sondern einfach, weil sie es sich gönne.

Unterwegs ist Judith Stamm aber doch noch: An der Säntisstrasse stellt sie an diesem Sommerabend ihre Biographie mit dem Titel «Beherzt und unerschrocken – Wie Judith Stamm den Frauen den Weg ebnete» vor. Mit von der Partie ist auch die Autorin und Journalistin Nathalie Zeindler, mit der sie zwei Jahre an dem Buch gearbeitet hat.

Politik ähnelt Fussball

Judith Stamm hat Zeit für Neues. «Denn im Alter solle man sich mit neuen Dingen beschäftigen. Das raten die Hirnforscher.

» Sie, die sich früher mit grossem Engagement für Frauen in der Politik einsetzte, wandte sich einem Gebiet zu, das eher Männer dominieren: Fussball. «Als die Mannschaften 2008 an der EM in unserem Land spielten, konnte ich mich diesem Sport nicht mehr entziehen», sagt Judith Stamm. Das Spiel selber fasziniere sie dabei weniger. «Die Geschichten hinter den Spielern und den Trainern sind es, die ich spannend finde.

» Denn was die Profifussballer leisten, sei nicht ohne: Deren Effort sei mit demjenigen eines Konzertpianisten zu vergleichen, habe sie gehört.

Ob es denn Gemeinsamkeiten gibt zwischen Fussball und Politik? Die alt Nationalrätin bejaht mit einem verschmitzten Lächeln: «Wer keine blauen Flecken riskieren will, für den ist Fussball nichts. Und wer keine blauen Flecken auf der Seele in Kaufe nehmen kann, soll nicht in die Politik einsteigen.» (ju)