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Poesie täglich

Eine St. Gallerin mischt Twitter auf. Ihre poetischen Kurznachrichten sollen nun sogar gedruckt werden.
Julia Nehmiz
«Sitze im Bus» – der Titel ihres Buches beschreibt, wie, wo und über was Claudia Vamvas twittert. (Bild: Michel Canonica)

«Sitze im Bus» – der Titel ihres Buches beschreibt, wie, wo und über was Claudia Vamvas twittert. (Bild: Michel Canonica)

Jeder kann mitmachen. Jeder kann alles lesen. Und doch hat sich das Gefühl einer verschworenen Gemeinschaft gebildet. Twitter ist zum heimeligen Massenphänomen geworden. Eine der erfolgreichsten Twitter-Autoren der Schweiz ist die St. Gallerin Claudia Vamvas, Twittername @akkordeonistin. Über 10 000 Menschen folgen ihr dort. Die meisten ihrer Leserinnen und Leser sind aus Deutschland. Viele bekannte Zeitgenossen sind darunter, Moderatoren, Medienschaffende, Journalisten, Twitter-Promis. «Ich kann kaum glauben, wenn mir prominente Menschen auf Twitter folgen, weil, was mache ich schon? Ich schreibe ja nur spontane Kleinigkeiten», sagt Claudia Vamvas, und wundert sich immer noch ein bisschen.

Seit vier Jahren twittert sie – ihr Sohn erklärte ihr damals die für sie neue Social-Media-Plattform. Und auch Vamvas startete wie alle anderen mit null Followern. Niemand bemerkte, wenn sie ihre Kurznachrichten hinaus in den Äther schickte.

Twitter-Freunde auch «in echt»

Doch Claudia Vamvas beherrscht die hohe Kunst der Sprachverdichtung. Eine Nachricht auf Twitter darf maximal 140 Zeichen lang sein. Vamvas reichen wenige Buchstaben, um ganze Geschichten zu erzählen. Lakonisch, lustig, nachdenklich – und oft löst sie eine Welle an Reaktionen aus. «Ich bin eigentlich immer selber überrascht, wie viele Menschen meine Tweets lesen», sagt die 48-Jährige und lacht. Sie lacht viel, eine herzliche, offene Frau mit wachem Blick hinter der rot gerandeten Brille. Claudia Vamvas sitzt am Tisch in ihrem Wohnzimmer, vor den Fenstern liegt ihr St. Gallen zu Füssen. Sie arbeitet für ein Übersetzungsbüro als Lektorin, meist per Homeoffice. «Ich wohne allein, arbeite allein, twittere allein, das ist manchmal schon alles ein bisschen einsam», sagt sie, und lacht dabei – so ganz ernst meint sie das natürlich nicht. Denn: Ein einsamer Mensch ist Claudia Vamvas wirklich nicht. Ihr Freundeskreis hat sich durch Twitter sogar noch vergrössert, im nicht-virtuellen Raum, ganz real. «Mein Freundeskreis ist nun geteilt in Nicht-Twitterer und Twitterer.»

Ihre «alten» Freunde und Familie würden nicht verstehen, was sie da auf Twitter so alles macht. Und warum. Aber ihr 78jähriger Vater hat sich jetzt extra einen Twitter-Account zugelegt und liest alle ihre Mitteilungen, die als «Twitteratur» beschrieben werden. Vamvas hat quasi ein neues Literatur-Genre mitgeprägt.

Einige ihrer Tweets sind vergangenen Herbst als E-Book erschienen und sollen bald als «richtiges» Buch gedruckt werden. «Sitze im Bus», so der Titel. Kommende Woche startet ihre Berliner Verlegerin Christiane Frohmann ein Crowdfunding, um das Geld für den Druck zu sammeln. Frohmanns Ein-Frau-Verlag veröffentlichte bislang nur E-Books, doch die Leser wollen Literatur auch haptisch erleben. Claudia Vamvas freut sich einfach, dass ihre kleinen, spontanen, spielerischen Schreibereien ein so grosses Publikum finden.

Ihre «Twitterkarriere» begann im Bus. Täglich twitterte sie auf ihrer morgendlichen Fahrt zur früheren Arbeitsstelle. Kleine, feine, absurde Beobachtungen des banalen und doch grossartigen Alltags. Haben Sie das wirklich alles so erlebt, Frau Vamvas? Oder nicht doch das eine oder andere erdichtet? «Klar erfinde ich.» Manchmal twittere sie vom Sofa aus eine Busbegegnung. «Aber das machen alle so.»

Lange feilen muss sie nicht an ihren Tweets. «Ich schreibe immer spontan.» Von ihren über 10 000 Followern kennt sie nur einen Bruchteil – vielleicht 150 Leute schreiben ihr regelmässig, antworten auf ihre Tweets. «An die denke ich auch, wenn ich etwas schreibe», sagt Vamvas. Und ist doch immer wieder erstaunt ob der Masse, die sie im Netz anspricht.

Was ist ein «Gaköbsgingkel»?

Mitte März twitterte sie: «Als Kind stellte ich mir vor, wie ich ein Wort erfinden könnte, das eines Tages die ganze Welt benutzt. Zum Beispiel Gaköbsgingkel.» In kürzester Zeit antworteten ihr 300 Menschen. Jeder versah ihr Kunstwort mit einer anderen Bedeutung. «Erst mal ein ganzes Blech Gaköbsgingkel in den Ofen geschoben.» – «Ich komme später. Ich muss noch meinen Gaköbsgingkel aus der Reinigung holen!» Der Hashtag •Gaköbsgingkel eroberte die Beliebtheitsskala. Vamvas freut sich, dass sie wieder etwas angestossen hat. Auch wenn das gar nicht ihre Intention war.

www.twitter.com/akkordeonistin

E-Book: Akkordeonistin, «Sitze im Bus»

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