Plötzlich andere «Gspänli»

Physik ist in beiden Schulen Thema. Deshalb spannten Schüler der Heilpädagogischen Schule St. Gallen mit Kantischülerinnen zusammen. Sie wurden so mit neuen Situationen konfrontiert.

Marlen Hämmerli
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Die Kantischülerin beobachtet den Schüler der Heilpädagogischen Schule. Dieser lädt mit einem Tierfell den Plexiglasstab elektrostatisch auf. (Bilder: Marlen Hämmerli)

Die Kantischülerin beobachtet den Schüler der Heilpädagogischen Schule. Dieser lädt mit einem Tierfell den Plexiglasstab elektrostatisch auf. (Bilder: Marlen Hämmerli)

Sie liessen Luftballonraketen steigen, bauten eine Wasserrakete und brachten Papierschnipsel zum Fliegen: In vier Lektionen erkundeten die Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule am Burggraben (KBSG) und der Heilpädagogischen Schule St. Gallen (HPS) gemeinsam die Welt der Physik. Die Verantwortlichen sind sich einig: die Zusammenarbeit brachte viel, auch im sozialen Bereich.

Ungewohnte Wechsel gestalten

Dabei entstand das Projekt zufällig. «Parallelen im Unterrichtsstoff der Klassen waren der Auslöser», sagt Reinhard Gross, Physiklehrer an der KBSG. Doch bevor es losgehen konnte, war einige Vorbereitung notwendig. Es galt, die optimalen Teampartner für die sechs Schüler der HPS zu finden. Die Auswahl traf vor allem Stephanie Chiavi, Heilpädagogin und Lehrerin an der HPS: «Ich suchte beispielsweise jemanden, der auf einen introvertierten Schüler eingehen kann.» Wichtig war auch, die HPS-Schüler gut auf die bevorstehenden Wechsel vorzubereiten. «Meine Schüler sind es nicht gewohnt, kurz nach Ankunft am Morgen an einen anderen Ort zu gehen. Ich wusste nicht, wie sie auf die neue Situation an der Kanti reagieren würden», sagt Chiavi. Um einander kennenzulernen, tauschten die Klassen Fotos voneinander aus.

Physik im Alltag erleben

In den Lektionen arbeitete Gross bewusst mit Alltagsgegenständen. «Die Schüler sollen merken, dass Physik nicht nur in diesem Raum stattfindet.» Sind die Experimente beendet, rekapitulieren die Teams das Geschehene gemeinsam, dann notieren sich die HPS-Schüler ihre Beobachtungen. «Dies ist die Phase der Dokumentation. Die HPS-Schüler sollen das Gelernte in Worte fassen.» Dies zwinge die Kantischülerinnen in eine anleitende Rolle. «Nicht sie beantworten die Fragen, sondern fordern diese Leistung von den HPS-Schülern ein», erklärt Gross.

Gewinn auf ganzer Linie

Das Projekt brachte neben dem Wissensgewinn auch viel auf sozialer Ebene, resümieren die Verantwortlichen Gross und Chiavi. Die Teamarbeit war für die Schüler der HPS ebenso ungewohnt, wie die Lehrerrolle für die Schülerinnen der Kantonsschule. «Meine Schülerinnen mussten ihre Sprache anpassen und Physik mit alltäglichen Begriffen erklären», sagt Gross. Auch die HPS-Schüler profitierten laut Chiavi: «Sie organisierten sich erfolgreich selber und lösten die Aufgaben. Dies steigerte ihr Selbstbewusstsein.»

Vor allem aber wurden Berührungsängste abgebaut, findet Chiavi. «Eine Lerndefizit ist nicht sichtbar. Aber man hat ein Bild davon, wie es an einer HPS oder an einer Kanti ist.» Es habe sich aber herausgestellt, dass die Schüler wenige Vorurteile hatten.

HPS-Schüler voller Freude dabei

Besonders schön sei die Begeisterungsfähigkeit der HPS-Schüler gewesen, erinnert sich Gross. «Sie hatten unheimlich Spass an den Experimenten.» Diese Freude erlebte auch Chiavi: «Die Kanti war ständig Thema. Meine Schüler erzählten den anderen davon und verkündeten <Wir gehen an die Kanti!>». Einer der Schüler habe seiner kranken Teampartnerin gar eine Zeichnung gemalt.

Chiavi und Gross würden es begrüssen, wenn solche schulübergreifenden Projekte öfters stattfinden könnten. Bedingung sei jedoch ein gut zusammenarbeitendes Lehrerteam und die Freiwilligkeit für die Schüler. Sie beide planen aber, das Projekt erneut durchzuführen.