Platz schaffen auf dem Marktplatz

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Max R. Hungerbühler
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Bald einmal muss die Stadtregierung bezüglich Marktplatz, Bohl und Blumenmarkt Farbe bekennen. Er muss demnächst entscheiden, wie es mit dem dritten Anlauf zur Umgestaltung weitergehen soll.

Stadt und Platz sind nicht voneinander wegzudenken: Auf Athens «Agora» trafen sich in der Antike politisch mündige Bürger, um ihre Geschicke in die Hand zu nehmen. Seit es Handel gibt, sind Marktplätze Knotenpunkte wirtschaftlichen Erfolgs. Ob Bahnhof- oder Marktplatz, in St. Gallen wurden sie in den vergangenen Jahren zum Synonym des Haderns und des Ringens um Lösungen.

Sehnsüchtig richtet sich das St. Galler Auge nach Süden, wo die erträumte Italianità all jenes Lebensgefühl verkörpert, das der grauen Ostschweiz zu fehlen scheint. Schon vor gut einem Jahrhundert soll sich Architekt Heinrich Ditscher an Bella Italia, genau gesagt an der Piazza delle Erbe in Verona, orientiert haben: Ihre Proportionen standen Modell bei der Konzeption des Bahnhofplatzes. Ein Blick auf diesen Ort der Sehnsucht zeigt ein attraktives Bild: Weite, Grosszügigkeit – und diese Piazza ist von markanten Gebäuden gesäumt. Weit und breit kein Baum auf der grossen, freien Fläche. Genau so erhält die Piazza delle Erbe ihren Charakter wie auch vielfältige Nutzungsmöglichkeiten. Dasselbe gilt für den Stephansplatz in Wien oder den Odeonsplatz in München: Sie alle präsentieren sich gänzlich unbotanisch, um so ihre Qualitäten der grosszügigen Weite zur Entfaltung zu bringen.

Wird hingegen in St. Gallen von Platzgestaltung gesprochen, gilt es erstens, jeglichen motorisierten Individualverkehr zu entfernen und zweitens möglichst viele Bäume zu pflanzen. Was entsteht, ist kein Platz, sondern eine Form von Park, und derer gibt es hier doch bereits einige. Auch Pärke haben eine lange urbane Tradition und Kultur. Man denke nur an New Yorks Central Park, den Hyde Park in London, den Prater in Wien oder den Englischen Garten in München. Nur, einen Park zu schaffen entspricht nicht der aktuellen Aufgabenstellung am Marktplatz.

Gebetsmühlenartig wird auch die Vorstellung einer «Begegnungszone zum Verweilen» zitiert, in der sommerlich gekleidete Menschen ihre immerwährende Freizeit mit dem «Coffee to go» bei strahlendem Sonnenschein im dann dringend erwünschten Schatten von Bäumen verbringen. Mit Ausnahme des Kaffees im Pappbecher dürfte es sich hierbei um Ausnahmephänomene handeln. Planerischen Bemühungen sollte daher eine gründliche Begriffsklärung vorangehen. Dies verbunden mit einem Blick auf Gestaltung und Funktion urbaner Plätze.

Noch ein weiterer Trugschluss sollte geklärt werden: Die Volkskonsultation als Allheilmittel, wie sie nun, nach zwei gescheiterten Urnengängen, angestellt wurde, wäre zu hinterfragen. Demokratie ist zweifelsohne eine grossartige Errungenschaft. Kein Designer käme jedoch auf die Idee, beim Entwurf der neuen Kollektion «das Volk» zu interviewen, ob man in der kommenden Saison lieber Blau oder Rot tragen, breite oder schmale Schultern sehen möchte. Es ist Aufgabe des Kreators als Experte seines Fachs, Strömungen aufzuspüren und Entwürfe zu entwickeln, die über das hinausreichen, was sich Otto Normalverbraucher kraft seines augenblicklichen, aus der individuellen Situation und dem Blick auf die Vergangenheit eruierten Kenntnisstandes vorstellen kann. Fraglos sind lokale Bedürfnisse ernst zu nehmen. Aber dann gilt es, diese in ein Konzept zu überführen, das mehr ist als der kleinste gemeinsame Nenner momentaner Befindlichkeiten und Partikularinteressen.

In Zusammenhang mit der Neugestaltung des Marktplatzes wurde schon Santiago Calatrava ins Spiel gebracht, der aufgrund bisheriger Bautätigkeit mit St. Gallen verbunden ist. Die drohende Umplatzierung seiner Wartehalle am Bohl war ja auch ein Grund für die Ablehnung des ersten Marktplatz-Entwurfes. Nach Arbeiten in Valencia, New York, Rom und Taipeh erklärte sich der schweizerisch-spanische Architekt zu einem erneuten Engagement in der Ostschweiz bereit. Diesen Experten der Gestaltung zu beauftragen, setzt freilich ein Bekenntnis zur Grösse und zur markanten Präsenz voraus, denn eines sind seine Bauten nicht: unauffälliger Durchschnitt, wie er sich für St. Gallen, den selbst erklärten Vorort von Zürich, möglicherweise eignen würde. Als dieser Vorort wird die Region von der Restschweiz immer häufiger wahrgenommen.

So ist es an St. Gallen und seinen Politikern, Farbe zu bekennen. Wird eine Positionierung als von der übrigen Schweiz abgehängter «Balkan» akzeptiert, oder will man den auch städtebaulich untermauerten Schritt wagen, wieder urbanes, innovatives Selbstbewusstsein zu markieren und in dazu erforderlichen Dimensionen zu denken?

Max R. Hungerbühler

Ehrenpräsident Bischoff Textil/Ehrenpräsident Swiss Textiles

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