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Plakatieren im prüden Osten

Heute abend wird die Ausstellung über die Fotografin Tina Modotti im Historischen und Völkerkundemuseum in St.Gallen eröffnet. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht das Plakat, das im Vorfeld von der Stadt abgelehnt wurde: Es sei sexistisch.
Kathrin Reimann
Gemäss der Stadt ist dieses Motiv zu sexistisch für Poster und Flyer. (Bild: Kathrin Reimann)

Gemäss der Stadt ist dieses Motiv zu sexistisch für Poster und Flyer. (Bild: Kathrin Reimann)

Heute abend wird die Ausstellung über die Fotografin Tina Modotti im Historischen und Völkerkundemuseum in St.Gallen eröffnet. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht das Plakat, das im Vorfeld von der Stadt abgelehnt wurde: Es sei sexistisch. Darauf zu sehen war ein bekannter Akt von Modotti; die entschärfte Version zeigt sie zwar auch nackt, allerdings in Rückenansicht.

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Diese Geschichte nahmen zuerst lokale Medien dankbar auf. Reaktionen folgten dann aber aus der ganzen Schweiz, wie ein Blick auf die Kommentare unter den Online-Artikeln zeigt. In diesen wird von – wohl noch von der «Love-Life»-Kampagne – erhitzten Gemütern zum Rundumschlag ausgeholt. Dabei bekommt ziemlich jeder sein Fett ab. Allen voran der «prüde Osten» mit seinen «Kunstbanausen von Beamten».

Auf Blick.ch geben zwölf Personen ihren Senf zur Geschichte, davon alle für den Akt – als «Blick»-Leser ist man nackte Tatsachen schliesslich gewohnt. So steht, wie schön Modotti sei und wie meisterhaft und ästhetisch das Bild. «Ich glaube, dass die St.Galler Behörde ein wenig hinter dem Berg lebt», schreibt eine Kommentatorin. Ein anderer empfindet die Reaktion auf das Plakat als «eine Schande für St.Gallen». Ein weiterer fragt sich, ob in St.Gallen das Volk nicht mehr das letzte Wort habe, und: «Da hat ein kleiner Beamter hinter den Churfirsten wieder mal seine Macht ausgespielt. Der Mann muss weg. Kein Kunstverständnis. Vielleicht löscht er das Licht beim Duschen?»

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Auf Saiten.ch, wo sich bekanntermassen kulturverständige Leser tummeln, haben sechs einen Kommentar hinterlassen. Einer fragt nach dem Schuldigen für die zunehmende sexuelle Moralisierung – und findet diesen auch gleich in den USA. Worauf prompt eine Kommentatorin aus Las Vegas dies für verkürzt hält. Weitere Leser können gut auf den Akt zugunsten anderer Modotti-Werke verzichten.

Am heftigsten diskutiert wird auf 20min.ch – satte 145 Kommentare mit diversen Ansichten und Ansätzen sind auf dem vielgelesenen Online-Portal aufgeschaltet. Die prüde Doppelmoral St.Galler Politiker wird dort angeprangert, und St.Gallen sei im Mittelalter stehengeblieben. Andere finden, die Stadt habe richtig gehandelt. «Es gibt Kinder, die das sehen, und später heisst es: Wieso wurde meine Tochter mit 14 schwanger?», schreibt eine Leserin. Ein anderer gratuliert der Stadt: «Die St.Galler beweisen Geschmack. Ich habe auch lieber glattrasiert!» Was zu einer absurden Diskussion über Schambehaarung ausufert. Weitere Leser finden, das sei das Beste was dem Historischen und Völkerkundemuseum passieren konnte: Dank spiessiger Beamten hätte die Ausstellung nun gratis Werbung erhalten, nationale Bekanntheit erlangt, und das «scharfe» Plakat sei ein begehrtes Sammlerobjekt geworden. Letzteres wird vom Museum bestätigt.

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