Plädoyer für Freiräume

In vier Monaten haben Angelo Zehr und Matthias Fässler einen Dokumentarfilm über das Nachtleben und die Kulturräume der Stadt gedreht. Herausgekommen ist eine «kunterbunte kulturpolitische Momentaufnahme».

Michael Zwicker
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Matthias Fässler (links) und Angelo Zehr bei den letzten Dreharbeiten vor dem Kugl. (Bild: Michel Canonica)

Matthias Fässler (links) und Angelo Zehr bei den letzten Dreharbeiten vor dem Kugl. (Bild: Michel Canonica)

Sobald heute abend die Sonne untergeht, beginnt das Nachtleben. Junge und weniger junge Leute zieht es wieder in die Stadt. Im Kugl gehen sie etwa ans Konzert von Dominik Kesseli, im Trischli Club tanzen sie bis in die frühen Morgenstunden und auf dem Klosterplatz sitzen sie in Gruppen, bis sinkende Temperaturen sie in die nächste Bar treiben. Sie nutzen städtische Räume als Kulturräume. «Aber viele von ihnen konsumieren nur. Sie wissen nicht, wie viel Einsatz und Kampf hinter diesen Angeboten und Möglichkeiten stecken», sagt Matthias Fässler, der zusammen mit Juso-Stadtparlamentarier Angelo Zehr einen Dokumentarfilm über das Nachtleben und die Kulturräume der Stadt St. Gallen dreht. Der Film «A Little Mountain Village» sei eine «kunterbunte kulturpolitische Momentaufnahme». Er zeige ein kontroverses Bild und solle den Zuschauer für kulturpolitische Probleme sensibilisieren.

In vier Monaten fertiggestellt

Damit begonnen haben die zwei vor etwa vier Monaten. Es sei ihr erstes gemeinsames Filmprojekt, sagt Angelo Zehr, der in Chur «Multimedia Production» studiert. Das Equipment sei vorhanden gewesen, und Kosten habe die Produktion so gut wie keine verursacht. «Es war auch nicht der ästhetische Anspruch, der im Vordergrund stand.» «Das Kunstwerk sind die Menschen und ihre Aussagen», ergänzt ihn Fässler.

Ein möglichst offener Blick

«Im Film kommen 15 Personen zu Wort, die in irgendeiner Weise die Kulturräume der Stadt aktiv mitgestalten», sagt Zehr. Beispielsweise Stadtpräsident Thomas Scheitlin, die Kulturbeauftragte Madeleine Herzog oder etwa das Rümpeltum-Kollektiv, ein ehemaliges Mitglied der nicht mehr existierenden Organisation «Aktiv Unzufrieden» oder Betreiber des Palace, der Grabenhalle oder des Backstage Clubs. Auf eine «Off-Stimme», die die Aussagen der Befragten kommentiert, verzichtet der Film bewusst. Es gehe darum, möglichst viele Stimmen für ein möglichst breites Blickfeld einzufangen. «Ein Stimmengewirr, aus dem sich jeder Zuschauer selber herauspicken kann, was für ihn wertvoll ist», sagt Zehr. Der Film sei «nicht meinungsbildend», aber politisch.

Einsatz und Kontroversen

Denn Kultur und Politik gehören für Zehr und Fässler untrennbar zusammen. «Kultur ist nicht etwas, das man im Supermarkt kauft.» Das sei eine Aussage, die im Film vorkomme, sagt Zehr. Hinter Kulturangeboten und -räumen steckten Entwicklungen, Auseinandersetzungen, Kampf, Einsatz und Kontroversen. «Das ist eben Kulturpolitik», sagt Fässler.

Kulturräume und Verdrängte

Es sei alles verknüpft: «Kulturräume sind auch öffentliche und soziale Räume.» Ein vielseitiges Kulturangebot beispielsweise werte ein ganzes Quartier auf, sagt Fässler. «Gleichzeitig werden aber oftmals auch sozioökonomisch schwächere Menschen vertrieben.» Grundsätzlich gebe es in St. Gallen zu wenig Freiräume, wo auch einmal eine spontane Aktion möglich wäre. Auf dem Klosterplatz etwa werde man bereits weggewiesen, wenn man ein Bier trinke. Ausserdem stelle sich auch die Frage, wie einladend und frei ein Raum wie der rote Platz sei, der von vielen Kameras und Sicherheitsleuten überwacht werde. Kontroversen, die auch im Film zur Sprache kommen.

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