Piraten stürmen Klosterplatz

Über 250 Häggenschwiler setzten sich gestern medienwirksam für den Erhalt ihrer Oberstufe ein. Doch auch 7316 Petitionsunterschriften zeigten beim Bildungsdirektor keine Wirkung.

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Auf in den Kampf: Zahlreiche Schüler, Eltern und Lehrer aus Häggenschwil machten sich gestern auf den Weg zum Regierungsgebäude. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Auf in den Kampf: Zahlreiche Schüler, Eltern und Lehrer aus Häggenschwil machten sich gestern auf den Weg zum Regierungsgebäude. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Häggenschwil/St. Gallen. Alle schreien durcheinander. Nur Rehli steht ruhig da. Eine aufgemalte Piratenflagge ziert den Rücken der «Piraten-Kampfkuh». Aufgemalt von Häggenschwiler Oberstufenschülern für den Moment, «in dem wir unseren Beitrag zum Erhalt der Oberstufe leisten können», sagt Schüler Michael Graf. Und als der Moment kommt, da Bildungsdirektor Stefan Kölliker aus dem Regierungsgebäude tritt und von Hans-Georg Wiget, Leiter des Komitees «Pro Oberstufe Häggenschwil», die 7316 Unterschriften entgegennimmt, schwenkt der Jugendliche wie wild seine Piratenflagge.

Genauso wie die anderen 250 Häggenschwiler, die zur Übergabe der Petition auf dem Klosterplatz erschienen sind.

*

Eine Stunde zuvor. Schulratspräsident Alan Germann zieht seine braunen Winterstiefel an, zwängt seinen rechten Arm in den schwarzen Mantel mit den Messingknöpfen. Auf jedem ist ein kleiner Anker eingraviert. Keine Piraten.

«Wir wollen eine friedliche Lösung», sagt Germann, hastet dann aber trotzdem hinaus ins Schneegestöber, um die Piratenflagge vom Mast zu holen. Es eilt, in wenigen Minuten fahren die Extrabusse nach St. Gallen. Nein, nervös sei er nicht: «Ich werde schliesslich vom ganzen Dorf begleitet. Anders sein dreijähriger Sohn Scotty.

In seinem blauen Skianzug hüpft er auf und ab, ruft: «Ich geh zu Kölliker, damit ich später hier zur Schule gehen kann.» Seine Schwester Kirby hat indes die Piratenflagge von ihrem Vater entgegengenommen und rennt damit Richtung Oberstufe.

Dort erwarten sie Kindergärtler, Primar- und Oberstufenschüler mit ihren Eltern und Lehrern, aber auch ältere Häggenschwiler, die sich für die Oberstufe einsetzen wollen.

«Heute morgen hat mich das Bildungsdepartement angerufen: Stefan Kölliker wird uns mit einer Delegation besuchen», ruft Germann. Die Menge jubelt, schwenkt die Fahnen. Oberstufenlehrer Michael Meyer eilt umher, das Haar unter einem Piraten-Kopftuch verborgen, verteilt schwarze und rote Ballons, an denen weisse Zettel befestigt sind: «Oberstufe Häggenschwil muss bleiben.»

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Dann rollen zwei VBSG-Busse an, Ton in Ton mit den Piratenflaggen. Hans-Georg Wiget vom Komitee «Pro Oberstufe Häggenschwil» hievt mit einem zweiten Mann den Leiterwagen mit der dunkelgrauen Schatztruhe in den Bus. In der Kiste liegen 7316 Unterschriften. 7316 Schätze.

Dicht gedrängt sitzen die Häggenschwiler beieinander. Jene, die stehen, versuchen vergeblich das Gleichgewicht zu halten, klammern sich lachend am Gegenüber fest. Und dann ein Knall. Einem kleinen Mädchen ist der Ballon zerplatzt.

«Mit Piraten wird es halt gefährlich», sagt Alan Germann augenzwinkernd. Hat er sich Gedanken darüber gemacht, wie der Bildungsdirektor auf den Grossaufmarsch reagieren wird? «Jeden Tag. Aber ich lass mich überraschen. Er hat zumindest versichert, dass er persönlich anwesend sein wird.»

Überrascht sind auch die Leute auf dem St. Galler Marktplatz, als die fahnenschwenkende Meute aus den Bussen strömt und sich Richtung Kloster in Bewegung setzt. Zahlreich verfolgen sie das Spektakel, einige klatschen Beifall.

Die Häggenschwilerinnen und Häggenschwiler erreichen den Klosterplatz, nehmen ihn in Beschlag, schwärmen aus, versammeln sich vor dem Regierungsgebäude wieder zu einer Masse.

*

Es ist wie bei einer militärischen Fahnenübergabe: Stefan Kölliker auf der einen, die Häggenschwiler auf der anderen Seite. David gegen Goliath. «Mir sind ä Schuäl, mir gsehnd üs jede Tag. Mir gönd mitenand durch dick und dünn», singen Schüler im Chor. Wortlos nimmt Stefan Kölliker die Unterschriften von Hans-Georg Wiget entgegen.

Dieser ist vom Aufmarsch überwältigt, bricht während eines Interviews in Tränen aus. Kölliker hingegen äussert sich nicht. Erst, als ihn Gemeindepräsident Hans-Peter Eisenring auffordert, zu den Leuten zu sprechen, sagt er: «Es ist sehr eindrücklich, wie viele heute erschienen sind. Ich muss aber sagen, dass sich am Entscheid, die Oberstufe zu schliessen, nichts ändern wird.» Dennoch werde er mit einer Delegation am 10. Dezember in Häggenschwil erscheinen und sich mit den Behörden an einen Tisch setzen.

Einige sind empört, andere applaudieren höflich. Die Mehrheit steht still da. Die Piraten sind auf dem Boden der politischen Realität gelandet. Martina Kaiser

Fahrt nach St. Gallen: Gemeindepräsident Hans-Peter Eisenring (links) und Hans-Georg Wiget, Leiter Komitee «Pro Oberstufe Häggenschwil».

Fahrt nach St. Gallen: Gemeindepräsident Hans-Peter Eisenring (links) und Hans-Georg Wiget, Leiter Komitee «Pro Oberstufe Häggenschwil».

Übergabe der Petition: Bildungsdirektor Stefan Kölliker (rechts) nimmt die 7316 Unterschriften von Hans-Georg Wiget entgegen.

Übergabe der Petition: Bildungsdirektor Stefan Kölliker (rechts) nimmt die 7316 Unterschriften von Hans-Georg Wiget entgegen.