«Piraten» blicken nach vorne

Die Oberstufe Häggenschwil soll geschlossen werden, so der Entscheid des Erziehungsdirektors. Regionale Lösungen und eine Initiative zur Änderung des Volksschulgesetzes stehen im Raum. Die «Piraten» denken laut nach.

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Janine Löpfe, 21,

Studentin, Häggenschwil

Es bleibt uns natürlich nicht viel anderes übrig, als den Entscheid des Erziehungsdirektors, die Oberstufe Häggenschwil zu schliessen, zu akzeptieren. Eine grosse Überraschung ist die Entscheidung «von oben» ja nicht. Ich persönlich glaube nicht, dass wir noch gross dagegen anrennen können.

Hans Zeller, 43, Käsermeister, Häggenschwil

Ich glaube, der Zug ist nun definitiv abgefahren. Eine Fortführung unserer Oberstufe ist ausser Reichweite. Meiner Meinung nach waren die Verhandlungen mit dem Bildungsdepartement eine reine Verzögerungstaktik. Der Entscheid war schon von Anfang an klar, ein abgekartetes Spiel quasi. Eigentlich sollte doch Köllikers SVP-Politik volksnah sein, von dem spüren wir hier nichts. Natürlich wäre eine Filiale eine Lösung – aber eine komplizierte. Wittenbach steht dem auch kritisch gegenüber. Ich zeige vor allem Unverständnis, wenn es darum geht, unseren Kindern einen langen Schulweg aufzubürden. Es kann nicht angehen, dass sie kaum mehr Zeit für eine warme Mittagsmahlzeit haben. Ich habe ausgerechnet, dass sie nur noch 45 Minuten Zeit hätten, sich am Mittag zu Hause zu erholen. Und wenn ich ehrlich bin, frage ich mich auf der anderen Seite, wie wir, also unser Dorf Häggenschwil, bei den Nachbarn oder gar in der ganzen Ostschweiz ankommt. Werden wir abgestempelt als «Spinner» oder sind wir für andere «Helden»? Das würde mich schon einmal interessieren.

Regula König, 47,

Detailhandelsfachfrau,

Häggenschwil

Die Gemeinde Häggenschwil steht immer noch zum erklärten Ziel, eine eigene Oberstufe fortzuführen. Die Aussagen des Erziehungsdirektors sind aber unmissverständlich. Ein Zusammenschluss mit Wittenbach oder Waldkirch wäre sicher möglich. Aber wie soll das alles funktionieren? Eine Filiale wäre sicher eine Alternative.

Mike Brunner, 57,

Wirt, Häggenschwil

Wir kämpfen weiter. Das ist sicher. Wir halten auch noch lange durch – und setzen alle Mittel ein. Natürlich verschliessen wir die Augen nicht vor möglichen Optionen. Ich finde beispielsweise die lancierte Initiative eine gute Sache. Auch wenn die Details noch nicht allesamt bekannt sind, kann ich versichern, wir bekommen die 6000 Unterschriften zusammen.

Johann Huwiler, 86,

Landwirt, Häggenschwil

Ich hoffe fest, dass wir die Oberstufe auf irgendeinem Weg behalten können. Es muss doch möglich sein, unsere familiären Strukturen, das «Heimelige» bewahren zu können. In Häggenschwil ist die Welt noch in Ordnung, kein «Pöbel» weit und breit. Ich fände es fast unzumutbar, wenn die Häggenschwiler Jugend in die Nachbardörfer fahren müsste. Auch der Umwelt zuliebe sollten die Oberstufenschüler in Häggenschwil bleiben können.

Regula Maurer, 51,

Lehrerin, Häggenschwil

Aufgeben? Nein, ich hoffe, es geht weiter. Vielleicht auf Umwegen. Als Lehrerin unterstütze ich die Initiative. Das Ziel also, über eine kantonale Volksabstimmung das Volksschulgesetz zu ändern. Und zwar so zu ändern, dass auch neue, individuelle Schulmodelle zugelassen werden. Altersdurchmischte Klassen empfinde ich als ein sehr gutes Modell. Die Jüngeren lernen von den Älteren. Und in vielen sozialen Aspekten ist es auch umgekehrt. Es gibt im ganzen Kanton St. Gallen kleine Gemeinden, die bald ähnlichen Problemen gegenüberstehen. 6000 Unterschriften könnten sicher in Null Komma nichts gesammelt werden. Bis zur Umsetzung reicht es wahrscheinlich für Häggenschwil nicht mehr, so was kann Jahre dauern. Es muss auch nicht heissen, dass Jahrgangsklassen ein ausrangiertes Modell sind. Zum Schutz der kleinen Dörfer sollten aber individuelle Schulmodelle mehr Akzeptanz finden. Ich finde es besonderes wichtig, den Jugendlichen Stabilität zu vermitteln. Ich kann nur schwer nachvollziehen, wieso Schüler in ein anderes Umfeld umplaziert werden sollen. Mir gefällt der Umstand gar nicht, dass auf dem Rücken der Jugendlichen «Geldpolitisches» ausgetragen wird.

Claudia Braun, 39,

Hausfrau, Häggenschwil

Häggenschwil ist ziemlich populär geworden. Toll finde ich, dass auch Auswärtige auf mich zukommen und Unterstützung anbieten. Ich habe selbst zwei Kinder und bin zuversichtlich, dass sich für Häggenschwil eine regionale Lösung auftut.

Marianne Sager, 22, Bäcker-Konditorin, Lömmenschwil

Ich muss ehrlich gestehen, ich habe mir einen positiven Entscheid des Erziehungsdirektors sehr gewünscht. Der Kampf der Häggenschwiler ist durch die Medien gegangen. Und wie ich die Häggenschwiler kenne, geht er auch noch weiter.

Jacqueline Vetsch, 46,

Reinigungsfachfrau,

Häggenschwil

Ich bin nicht im Bild, dass ein Verbund von kleinen Oberstufengemeinden eine Initiative starten will. Altersdurchmischte Klassen scheinen mir in vielen Fällen vernünftig. Denn für mich ist eine unrentable Oberstufe kein Argument, um sie zu schliessen. Bildung, das Wohlwollen der Kinder und Eltern sollten, wenn und wo möglich, immer berücksichtigt werden.

Philipp Rohrer, 22,

Koch, Häggenschwil

Ich habe mit dem Entscheid aus St. Gallen gerechnet. Es bringt wahrscheinlich nicht mehr all zu viel, weiterzukämpfen. Ein Blick im und rund um das Dorf zeigt noch das Gegenteil: Piratenflaggen auf halbmast und Flaggen, die auf dem «Kopf» stehen. Häggenschwil bräuchte einfach mehr Einwohner. Zurzeit wird in der Gegend viel gebaut. Könnte man an der Zeit etwas herumdrehen, gäbe es vielleicht bald mehr Familien mit Kindern. Von einer Initiative habe ich noch nichts mitbekommen. Wahrscheinlich bleibt den Oberstufenschülern nicht viel anderes übrig, als entweder in Wittenbach oder in Waldkirch zur Schule zu gehen. Wie dagegen eine Filial-Lösung aussehen soll, kann ich mir noch nicht vorstellen. Aber die Gespräche sind ja im Gange. Mal schauen, was auf Häggenschwil noch zukommt.

Tanja Löpfe, 19,

Fachfrau Gesundheit,

Häggenschwil

Häggenschwil muss optimistisch bleiben. Immerhin stehen drei regionale Lösungen im Raum. Die hängen natürlich von der Gunst der Gemeinden wie Wittenbach oder Muolen ab. Ich glaube, bis die Initiative vollends zum Tragen käme, ist es für Häggenschwil zu spät. Text: Luzia Billeter

Bilder: Benjamin Manser

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