«Pilze haben keine Agenda»

Zum Auftakt der Pilzsaison: Der Unterrheintaler Mykologe und Pilzkontrolleur Fritz Matzer über erwünschte Regengüsse, überraschende Schwankungen und Sichtungen, Missverständnisse und Ärgernisse wie zertrampelte Böden und Dünger.

Marcel Elsener
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Pilzkenner Fritz Matzer mit Goldröhrlingen, die in einer moosigen Wiese im Waldgebiet von St. Margrethen gewachsen sind. Der helle Pilz in seiner Hand ist bereits gehäutet. (Bilder: Michel Canonica)

Pilzkenner Fritz Matzer mit Goldröhrlingen, die in einer moosigen Wiese im Waldgebiet von St. Margrethen gewachsen sind. Der helle Pilz in seiner Hand ist bereits gehäutet. (Bilder: Michel Canonica)

ST. MARGRETHEN. Sie könnten jederzeit auftauchen, die Hexen zwischen St. Margrethen und Walzenhausen, heute, morgen, übermorgen. Bei unserem Ortstermin vor Wochenfrist mit Fritz Matzer im Fichtenwald ist keine einzige zu sehen – gemeint sind Hexenröhrlinge, die sonst den Waldboden in eine farbenfrohe Pilzlandschaft verwandeln. Pilzexperte Matzer, der hier jeden Quadratzentimeter kennt, stampft mit seinem Wanderschuh auf den harten Grund und schüttelt den Kopf: «Viel zu trocken, nichts zu machen.»

Dabei ist das leicht zugängliche und pilzreiche Waldstück ideal für den Anschauungsunterricht: «Ich war hier mal mit einer Gruppe von hundert Leuten, und jeder hatte am Ende einen Pilz in der Hand.»

Trockener Boden bremst

Aha, nicht das erwartet gute Pilzjahr, macht sich der Laie seinen Reim, obwohl doch der Frühling sehr nass und der Sommer schön heiss war. Feucht und mild passe, präzisiert der Fachmann, aber nach der langen Trockenheit sei das Wasser in der Tiefe verschwunden. Jetzt brauche es «noch ausgiebig Regen» und milde Tage ohne Temperaturabsturz; «Frost darf nicht sein».

In unseren Breitengraden beginnt die Pilzsaison Mitte August. «Aber Pilze haben keine Agenda, sie halten sich nicht an den Kalender», sagt Matzer. «Eigentlich haben sie das ganze Jahr Saison.» Grob sagen lässt sich indes: Ähnlich wie viele Gemüse, Blumen oder Beeren sind beliebte Pilze wie Eierschwämme (Pfifferlinge) bis zu zwei Wochen in Verzug – nicht wegen des nassen Frühlings, sondern wegen des tief trockenen Bodens, der wie eine Wachstumsbremse wirkt.

Steinpilze und Röhrlinge

Frühe Steinpilze hat Matzer in der Nähe bereits Anfang Juli gepflückt, «ein erster Schub, der wieder verschwand, die meisten kommen erst.» Dass wir wenigstens ein paar Röhrlinge finden, verdanken wir einem zufällig vorbeikommenden Bekannten, der sie auf einer «Insel» gesichtet hat. «Das Nest kenn ich», strahlt Matzer, «da finden sich auch Parasol und Steinpilz.» Aber «keine Ortsangabe, kein Name», wird uns beschieden; nichts gegen findige Pilzler, aber ein Getrampel wollen die beiden Waldkenner vermeiden. Vielleicht Föhrenbegleiter, doch an der Fundstelle zeigt sich: Die reifen Pilze haben sich von den Baumwurzeln einer Lärche ernährt. Also ein Goldröhrling.

«Recht fein» seien die Röhrlinge, die könne seine Frau am Mittag gleich den Eierschwämmen beigeben, sagt Matzer, während er die Haut abschält. Ist die nicht essbar? «Doch», lacht er, «aber du bringst die Gabel nicht mehr aus dem Teller, so zähflüssig ist die Gelatine der Haut.»

Dass die Pilzbegeisterung des heute 70jährigen gebürtigen Wieners mit seinem ersterlernten Beruf des Konditors zu tun habe, wäre bemüht – zumal er «nicht in den Wald geht, um Speisepilze zu suchen, sondern um alle Pilze zu bewundern». Doch im «pilzreifen Wald» Essbares zu sammeln, wie es im Dorf seiner Grossmutter im Burgenland in der Nachkriegszeit auch zur Notlinderung Alltag war, steht trotzdem am Ursprung seines aufwendigen Hobbys.

Bei Ärzten und Zöllnern gefragt

Aufwendig, weil Matzer, als 17-Jähriger in St. Margrethen sesshaft geworden, sich vor fast 30 Jahren von der Gemeinde überreden liess, die Ausbildung zum Pilzkontrolleur zu machen. Da habe er den «Sprung vom Speisepilzsammler zum Pilzinteressierten und zum hobbywissenschaftlichen Mykologen gemacht», erzählt er. Und lacht über den zweifachen «Schock», als ihm der Umfang des Lernstoffs bewusst wurde – und «wie viel Glück ich vorher hatte». Aus Halb- wurde Fachwissen, und als Notfalldiagnostiker bei Pilzvergiftungen ist er bei Ärzten und Spitälern beidseits des Rheins gefragt: Matzer berät wie zuvor sein Lehrmeister, der frühere Verbandstoxikologe René Flammer aus Wittenbach. Über «Küchen-Mykologie» hinaus gehen auch Aufträge für die Handelspilzkontrolle am Zoll (die aufgrund von EU-Verträgen zunehmend wegfällt) sowie Untersuchungen etwa für Nestlé. In seinem Laborzimmer in Rheineck verfügt er über die mikroskopischen und chemischen Mittel, um Pilze aller Art fundiert zu analysieren.

Kein Wunder, kennt Matzer nicht nur die paar Dutzend essbaren, sondern auch Hunderte ungeniessbare oder giftige Pilze; 8000 Grosspilze, also solche, die mit blossem Auge sichtbar sind, gibt es in unseren Wäldern, 50 000 Pilze insgesamt sind beschrieben, die den Kreislauf der Natur in Gang halten und untereinander kommunizieren, etwa wenn ein kranker Baum spezielle Nährstoffe braucht. Die Myzelien, vereinfacht gesagt die Wurzeln der Pilze, nennt Matzer «das verkannte Internet der Natur».

Tintenfisch und Kaiserling

Welche Veränderungen hat er registriert, sind Pilze verschwunden und andere «zugewandert»? Überraschungen gebe es Jahr für Jahr, «sprunghafte Vorkommen, da bleibt etwas aus, und plötzlich ist es wieder üppig da»; er glaubt an einen Siebenjahreszyklus, aber das sei unter Fachleuten umstritten. Ganz verschwunden sei kein hiesiger Pilz, aber neu heimisch geworden beispielsweise der australische Tintenfischpilz und vom Süden über die Alpen «geflogen» der Kaiserling, der, obwohl aus der Familie der oft giftigen Knollenblätterpilze, als einer der besten Speisepilze gilt. «Wir leben in einem Milieu von Sporen, wo immer ein Biotop entsteht, können Pilze Fuss fassen.» Sehr schädlich sind jedoch Düngereintrag und Trampelpfade im Wald.

Ohne Mass, ohne Ahnung

Im ertragreichen Pilzjahr 2012 gab es mehrfach Polizeimeldungen von masslosen Sammlern, die sich weder an Mengen- noch an Schonvorschriften hielten; von 14, 15, in einem Bündner Fall gar 25 Kilogramm Eierschwämmen, wo nach Gesetz höchstens 2 Kilo pro Person erlaubt wären. «Freilich sind Exzesse nicht schön, aber das Jagen und Sammeln steckt uns halt im Blut», sagt der Pilzkontrolleur schulterzuckend. «Mass zu halten wäre vor allem aus sozialen Gründen geboten, aus biologischen spielt es kaum eine Rolle.» Denn mit Pilzen verhalte es sich wie mit Äpfeln: «Da ist der Baum im Herbst auch leergepflückt, hoffentlich. Und trägt im nächsten Jahr doch wieder Früchte.» Aber das sage er nur hinter vorgehaltener Hand, da breche sofort ein «Glaubenskrieg» aus, lacht er.

Ärgerlich für den Naturfreund ist es allerdings, wenn Leute ohne Wissen achtlos alles «abgrasen» und ihm kiloweise ungeniessbare Pilze hinstellen – «nach dem Motto <Wir sammeln mal drauflos, und der Pilzkontrolleur sagt uns dann, was wir essen können>». Er sei nicht «Ausbildner der Gesamtbevölkerung», meint Matzer und verweist an die Kollegen vom Pilzverein. Sich dort zu informieren sei sinnvoll: «Wenn es einem niemand zeigt, kommt man beim Pilzen auf keinen grünen Zweig.»

Service public für schöne Sucht

Mehr Sorgen bereitet ihm der fehlende Nachwuchs in seiner «brotlosen Kunst»; Pilzkontrolleure arbeiten für sehr wenig Lohn, fast ehrenamtlich. Dabei sei «der Service public sehr wichtig, schon weil wir Kontrolleure die Erkenntnisse à jour halten. In manchem Buch sind giftige Pilze noch als essbar aufgeführt – und umgekehrt». Matzer, für 16 Gemeinden im Unterrheintal sowie im Appenzeller Vorderland zuständig, reist jährlich an den Kongress der Mykologen; nebst der Giftdiagnostik ist er Spezialist für Schleierlinge.

Boomt das Pilzen? Mehr oder weniger, so Matzer, es schwanke wie die Pilzpopulation. Dass in der Krise vermehrt Waldfrüchte gesammelt werden, verneint der Experte: «Pilze sind keine Nahrung, sondern Genussmittel. Und sie zu suchen ist eine beglückende Sucht.» Die Sucht hat jetzt Saison. Nur schiffen, das müsste es noch ein wenig, und mild bleiben.

Vorschau Pilzsaison 2013 mit Pilzkontrolleur Friedrich Matzer (Bild: Michel Canonica)

Vorschau Pilzsaison 2013 mit Pilzkontrolleur Friedrich Matzer (Bild: Michel Canonica)