PENSION: Er hängt die Bürste an den Nagel

Roland Breitenmoser war fast 50 Jahre lang Kaminfeger. Aufs Jahresende wird er pensioniert. Den exotischen Beruf würde er wieder erlernen wollen, auch wenn es für ihn nicht immer einfach war.

Luca Ghiselli
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Die letzten Kaminfeger-Utensilien: Roland Breitenmoser räumt sein Lager aus. (Bild: Ralph Ribi)

Die letzten Kaminfeger-Utensilien: Roland Breitenmoser räumt sein Lager aus. (Bild: Ralph Ribi)

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Die zum Lager umfunktionierte Garage an der Fähnernstrasse ist fast leer. Die Regale sind bis auf wenige Bürsten ausgeräumt, eine Leiter steht noch an der Wand. Einen Schlussstrich will er ziehen, sagt Roland Breitenmoser. Per Ende Jahr geht er in Pension. Sein Nachfolger habe bereits mitgenommen, was er brauchen könne. Den Rest gebe er seinem Sohn. Auch er ist, in den Fussstapfen des Vaters, Kaminfeger geworden, arbeitet im Bündnerland. Den Betrieb habe er aber nicht übernehmen wollen, erzählt der 64-Jährige.

Wegen einer Frau Kaminfeger geworden

Der Schlussstrich scheint ihm nicht schwer zu fallen. Vielleicht auch, weil der Kaminfegermeister nicht nur Kaminfeger war. 21 Jahre Milizfeuerwehr, acht Jahre im Stadtparlament für die SVP, seit zehn Jahren auch Hundesportler. Von letzterem zeugen die Pokale, es müssen über 30 sein, die in seinem Büro stehen. «Ich habe gute Hunde», sagt Breitenmoser. Bescheidenheit ist für ihn eine Tugend.

Aufgewachsen ist der Kaminfegermeister in Schaffhausen. In die Schornsteine hat es ihn wegen einer Frau gezogen. «Sie kam zu uns nach Hause, um den Ofen zu reinigen», erinnert sich Breitenmoser. Frau Wipf hiess sie, war die Ehefrau des örtlichen Kaminfegermeisters und war die erste Frau, die es in der Schweiz zur Kaminfegerin brachte. Das imponierte ihm. Und so beschloss Breitenmoser Ende der 1960er-Jahre, den traditionellen Beruf des Kaminfegers zu erlernen und ging dafür nach Gossau. «Damals fuhr ich mit dem Velo von Haus zu Haus. Die Leiter nahm ich jeweils auf die Schulter.»

1972 kam er nach St.Gallen, ins Bruggen-Quartier. Sechs Jahre später absolvierte er die Meisterprüfung. Als Fortbewegungsmittel hatte er inzwischen das Velo gegen ein Töffli eingetauscht, mit dem er dann «go ruesse» ging, wie er sagt. «Damals gab es noch acht Kaminfegermeister in der Stadt», sagt er. Heute sind es noch drei. Mit jedem, der aufgehört hat, ist Breitenmosers Einzugsgebiet grösser geworden. Zum Schluss war er für alles, was auf Stadtgebiet westlich des Rathauses gelegen ist, zuständig. Der Beruf habe sich seit dem Anfang seiner Karriere sehr verändert, sagt der Kaminfeger. Heute müsse man «ein halber Mechaniker sein», um die Arbeit zu machen. Das Handwerk sei es, das den Beruf so schön macht.

Der Blick hinter die Fassaden

«Kaminfeger würde ich wieder werden», sagt Breitenmoser rückblickend. Der gesellschaftliche Wandel sei es aber, der den Beruf manchmal auch zur Bürde gemacht habe. «Als Kaminfeger sehen wir tief in die private Atmosphäre hinein», sagt er. Was man da zum Teil zu sehen bekomme, sei nicht immer einfach.

Nicht einfach war es für Breitenmoser auch in der Politik: Im Jahr 2000 wurde Breitenmoser ins Stadtparlament gewählt. Über die Autopartei kam er damals zur SVP. Acht Jahre später hatte er genug. «Ich war vielleicht etwas blauäugig», sagt er über sein politisches Engagement. In der Politik wolle jeder den Bauch mehr an der Sonne haben als der andere. Das sei nicht seine Welt. «Ich glaube an das Geben-und Nehmen-Prinzip.»

Mit dem Wohnmobil nach Skandinavien

Langweilig dürfte es Roland Breitenmoser im Ruhestand nicht werden. Neben dem Hundesport, für den er zweimal pro Woche in der Halle trainiert, will der zweifache Grossvater auch wieder mehr Zeit mit seinen beiden Enkeln verbringen. Ausserdem will Breitenmoser zusammen mit seiner Frau und den Hunden demnächst wieder nach Skandinavien reisen. Das erste Mal hat er Nordeuropa vor vielen Jahren bereist. Er war in der Ausbildung und begleitete seinen Lehrmeister auf der Reise. Seither ist Breitenmoser von der Gegend fasziniert. Schon mehrmals habe er Dänemark, Norwegen und Schweden mit dem Wohnmobil bereist, erzählt er. Zweimal habe er sogar die Schweiz an der Agility-Europameisterschaft im schwedischen Kristianstad vertreten. «Und, wer weiss, vielleicht kaufen wir bald ein eigenes Wohnmobil», sagt Breitenmoser. Denn mit dem Flugzeug zu verreisen, kommt nicht in Frage. «Wer soll sich denn dann um unsere Hunde kümmern?»