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ORTE DER REFORMATION: Der Teufel am Pranger, Maria im Bordell

Die Reformation krempelte vor 500 Jahren das Leben in St. Gallen um. Die 1517 bekannt gemachten 95 Thesen von Martin Luther lösten Diskussionen, Verunglimpfungen und Übergriffe aus. Das Rathaus in der Marktgasse war eine Bühne dafür.
Nicole Stadelmann
Die Südfassade des alten Rathauses von der Marktgasse her gesehen vor 1865. Rechts ans Rathaus angelehnt, ist der Kanzleianbau zu erkennen. Noch weiter rechts steht das Ira-Tor zum Marktplatz/Bohl.

Die Südfassade des alten Rathauses von der Marktgasse her gesehen vor 1865. Rechts ans Rathaus angelehnt, ist der Kanzleianbau zu erkennen. Noch weiter rechts steht das Ira-Tor zum Marktplatz/Bohl.

Nicole Stadelmann

stadtredaktion@tagblatt.ch

1517 veröffentlichte Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen, die den Anstoss zur Reformation gaben. In St. Gallen waren Behörden und Handelsherren mit Sicherheit über diese Ereignisse auf dem Laufenden. Dank Handelsbeziehungen und Bündnissen mit anderen Städten wusste man in St. Gallen sofort, wenn in Europa etwas geschah. Was aber wusste die breite Bevölkerung von der Reformation? Und wie ging sie mit Informationen und Gerüchten dazu um?

Die Stadt St. Gallen und die ketzerische Reformation

Hans Egli kam 1526 ins St. Galler Gefängnis, weil er die Ratsherren als Ketzer verunglimpft und der Stadt Bilderschändungen vorgeworfen hatte. Er verbreitete in einigen Orten und Städten der Eidgenossenschaft das Gerücht, dass in St. Gallen der Teufel an den Pranger gestellt und Maria ins Bordell getragen worden sei. Die Stadt stand zu dieser Zeit in der Eidgenossenschaft im Ruf, dem neuen Glauben zugeneigt zu sein. Ja, es sei in St. Gallen mit der ketzerischen Reformation sogar «ee mer dann minder», also «eher schlimmer denn besser» als in Zürich.

Tatsächlich war zuvor in St. Gallen ein Tischmacher namens Vincenz Wetter verhaftet worden, weil er in eine Kirche eingedrungen war, eine Statue des Teufels entwendet und an den Pranger gehängt hatte. Offenbar hatte Hans Egli also einen Teil seiner Geschichte nicht frei erfunden. Zur Geschichte des Marienbilds, das angeblich ins Bordell getragen worden war, lässt sich in den Archiven hingegen nichts finden.

Andere St. Galler Bürger wurden damals bestraft, weil sie unerlaubt Altartücher und Umhänge im Beinhaus gestohlen und verbrannt hatten. Wieder andere verkündeten, dass das Marien- und das Laurenzen-Fest teuflische Angelegenheiten seien. Sie schmähten Prediger oder meinten, dass sie keinen Gott haben wollten, den man essen müsse und der schliesslich «zu einem Dreck» werde. Solche Aktionen und verbale Verunglimpfungen können als Provokationen von Einzelpersonen oder Gruppen angesehen werden, die reformatorisches Gedankengut in die Bevölkerung tragen und zur Diskussion stellen wollten. Gerüchte, Informationen und Wissen wurden ausgetauscht, weitergereicht und an öffentlichen Orten auch kontrovers diskutiert.

Den Anhängern des neuen Glaubens standen insbesondere die Vertreter des Klosters gegenüber. Letztere kämpften für die Beibehaltung der herkömmlichen Glaubenspraxis und Lehre. Einer der stärksten Verfechter dieses alten Glaubens war in den 1520er-Jahren Wendelin Oswald, Prediger im Kloster St. Gallen. Er predigte gegen die reformierten Geistlichen und die zunehmende Ausbreitung des neuen Glaubens in der benachbarten Stadt. Dies tat er in der Kathedrale und im Frauenkloster St. Katharinen, wo er bis zu seiner Amtsenthebung durch die städtische Obrigkeit 1524 Beichtvater der Nonnen war.

Predigten von Wendelin Oswald führten wiederholt zu Tumult und Widerspruch in der immer stärker der Reformation zugeneigten St. Galler Bürgerschaft. 1524 sah sich der Rat wegen Protesten gegen Oswald sogar gezwungen, ihm das Betreten städtischen Bodens zu verbieten, weil man nicht mehr für seine Sicherheit garantieren konnte. Er durfte die Stadt nur noch für seinen Gang vom Kloster nach St. Katharinen und zurück betreten. Im Frühling scheint er erneut aus der Stadt verbannt worden zu sein, weil er an Ostern gegen die städtische Obrigkeit gepredigt hatte. Erst im Juli 1524, nach einer Intervention der eidgenössischen Orte, wurde ihm der Aufenthalt innerhalb der Stadtmauern wieder erlaubt.

Reformierte Geistliche rufen zur Ruhe auf

1526 verfassten die reformierten Geistlichen der Stadt St. Gallen eine Flugschrift gegen ihren unermüdlichen Widersacher. Dabei versuchten sie, Wendelin Oswald und allen Altgläubigen nicht nur die Grundsätze der evangelischen Lehre und Theologie zu erläutern, sondern teilten der Bürgerschaft gleichzeitig das angemessene, von der reformierten Elite gewünschte evangelische Verhalten mit: Unruhen, Tumulte und Auflehnung gegen die Obrigkeit im Namen der neuen Lehre wurden als unchristlich und eigennützig verurteilt. Man sollte sich geduldig abwartend verhalten, sich nicht gegen die Obrigkeit auflehnen und ihr gehorsam sein, auch wenn dies teilweise gegen die eigenen Glaubensüberzeugungen verstossen könnte. Die Reformation bedeute nicht, sich von seiner Herrschaft zu lösen.

Kritisiert wurden damit in der Flugschrift von 1526 beispielsweise Bauernunruhen, unautorisierte Bilderschändungen oder auch die Täuferbewegung. Die Schuld an Unruhen hatten gemäss der Auslegung der St. Galler Geistlichen nicht die zur Reformation neigenden weltlichen Obrigkeiten, sondern allein die Unruhestifter selber, die aus Eigennutz handelten. Die Flugschrift der städtischen Geistlichen sollte die Obrigkeit im Rathaus unterstützen. In schriftlicher Form wird hier vorweggenommen, was Bürgermeister Vadian im Juni 1529 seinen Bürgern in einem Auftritt «von der Ratsstuben herab» einbläute: Mässigung – auch bei der direkt danach folgenden Besetzung des Klosters.

Autorin Nicole Stadelmann ist Mitarbeiterin des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde St. Gallen.

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