«Ohne Druck ändert sich nichts»

Ab heute widmet sich die Auto-Show St. Gallen dem motorisierten Individualverkehr. Robert Furrer und Martin Würmli diskutieren über die Entwicklung der Mobilität, die städtische Verkehrspolitik und die Frage, wie stark der Staat in die Bewegungsfreiheit des einzelnen eingreifen soll.

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Strassen ausbauen oder den Verkehr einschränken? Martin Würmli und Robert Furrer diskutieren über die Aufgabe der Verkehrspolitik. (Bild: Reto Martin)

Strassen ausbauen oder den Verkehr einschränken? Martin Würmli und Robert Furrer diskutieren über die Aufgabe der Verkehrspolitik. (Bild: Reto Martin)

Herr Würmli, Herr Furrer, wie sind Sie hierher gekommen?

Robert Furrer: Mit dem Velo.

Martin Würmli: Zu Fuss. Ich bin ein atypischer TCS-Präsident. Ich habe kein eigenes Auto.

Das ist beim TCS eine Ausnahme.

Würmli: Klar, die Mehrheit der Mitglieder hat ein eigenes Auto. Ich würde den TCS aber trotzdem nicht als Autoverein, sondern als Mobilitätsverband bezeichnen, der sich für alle Verkehrsformen einsetzt.

Der Trend zu sparsamen und umweltverträglicheren Fahrzeugen zeigt sich an der Auto-Show. Wie ist diese Entwicklung zu beurteilen?

Würmli: Einerseits ist es erfreulich. Es ist höchste Zeit für technologische Fortschritte beim Antrieb. Andererseits bin ich skeptisch, ob etwa Elektrofahrzeuge «das Gelbe vom Ei» sind. Man sieht das bei der AKW-Katastrophe in Japan: Auch bei der Stromproduktion bestehen Risiken.

Furrer: Auch Elektrofahrzeuge brauchen Energie. Wenn diese sauber produziert wird, sind sie aber auf jeden Fall besser als Autos mit Verbrennungsmotor. Primär sollte der Verkehr jedoch vermieden werden. Der zweite Punkt ist die Verlagerung vom Individual- zum öffentlichen Verkehr. Die technologische Entwicklung kommt erst an dritter Stelle.

Strom aus AKW, Biobenzin, für dessen Anbau Regenwald gerodet wird. Gibt es umweltverträgliche Alternativen zum Benzinmotor?

Furrer: Es gibt keine umweltfreundlichen, höchstens weniger schädliche Autos. Wir können uns nicht zurücklehnen und auf neue Technologien warten. Um eine Einschränkung der Mobilität durch die Politik kommen wir nicht herum.

Würmli: Eine Begrenzung des Verkehrs durch die Politik ist schwierig. Mobilität ist eine Tatsache. Die Mehrheit der Bevölkerung hat heute einen Arbeitsweg von über einer halben Stunde. In dieser Frage prallen unterschiedliche politische Ansichten aufeinander: Auf der einen Seite das liberale Gesellschaftsmodell, das mit Anreizen steuern will. Auf der anderen Seite das – ich sage es jetzt böse – sozialistische System, welches für das Kollektiv die Freiheit des einzelnen beschneidet.

Sind wir überhaupt bereit, uns da einschränken zu lassen?

Furrer: Nein, ohne einen Druck wird sich das Mobilitätsverhalten nicht ändern. Ich befürworte die persönliche Freiheit. Nur bin ich nicht damit einverstanden, wenn der motorisierte Verkehr die Gesundheit, die Sicherheit und den Lebensraum anderer einschränkt. Die Politik der grenzenlosen Mobilitätsbefriedigung ist deshalb falsch. Wir können die Infrastruktur nicht endlos ausbauen.

Würmli: Der Mensch will sich in seiner Bewegung nicht einschränken lassen. Es grenzt an Bevormundung, wenn der Staat sagt: «Du darfst nicht mehr mobil sein.»

Der Ständerat hat kürzlich eine Beschränkung des CO2-Ausstosses für Neuwagen ab 2015 beschlossen. Wie sinnvoll ist das?

Furrer: Eine solche Massnahme ist wichtig und richtig. Aber nochmals: Es wäre blauäugig, nur auf die Technik zu vertrauen.

Würmli: Es ist ein politischer Wegweiser, der aus dem Kyoto-Protokoll der UNO abgeleitet wurde. Die Schweiz hat richtigerweise eine Vorreiterrolle. Solche Massnahmen müssen aber global koordiniert werden. Es bringt nichts, wenn wir uns Fesseln anlegen, während anderswo Dreckschleudern herumfahren.

Was hat das Stadtsanktgaller Ja zur Städte-Initiative bewirkt?

Würmli: Die Diskussionskultur hat sich in den letzten zwölf Monaten verschlechtert, die Fronten sind verhärtet. Zuvor haben Parteien und Verbände versucht, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Nun wird bei jeder Vorlage, bei der es auch nur ansatzweise um Verkehr geht, das Reglement gezückt. Nur: Es ist zu wenig konkret. Deshalb interpretiert die eine Seite alles mögliche hinein, während es die andere als reine Absichtserklärung abtut.

Furrer: Dank dem Reglement scheint beispielsweise die neue Buslinie 12 im Parlament Rückenwind erhalten zu haben. Und Verbände des öffentlichen und des Langsamverkehrs finden bei der Stadt mehr Gehör.

Die Stadt befürwortet den Bau der neuen Parkgarage Schibenertor. Besteht nicht die Gefahr, dass der Verkehr mit einer zusätzlichen Garage entgegen dem Ziel der Städte-Initiative ansteigt?

Furrer: Ich habe die Vorlage im Parlament sehr genau angeschaut. Und ich habe das Modell, mit dem die Stadt die Auswirkungen der Garage auf den Verkehr berechnet hat, unter die Lupe genommen. Ich bin zum Schluss gekommen, dass dadurch der Verkehr nicht wächst.

Wie kann ein Modell berechnen, ob ein Gossauer plötzlich mit dem Auto in die Stadt fährt, weil es mehr Parkplätze gibt?

Furrer: Solche Verhaltensänderungen kann das Modell nicht berechnen. Für einen Teil der Bevölkerung wird es attraktiver sein, mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Darum wird es sicher eine Veränderung geben. Die Frage ist, ob die Zunahme signifikant ist.

Würmli: Mit der Aufhebung der oberirdischen Parkzonen gibt es im Ganzen nicht mehr, sondern weniger Parkplätze. Zudem entfällt dadurch der Suchverkehr.

Der VCS spricht sich gegen eine A1-Südspange aus. Wie soll die Stadtautobahn entlastet werden?

Furrer: Wenn wir jetzt nicht unser Verhalten ändern, wann dann? Die Autobahn wird irgendwann wieder überlastet sein. Graben wir dann nochmals ein Loch? Für mich gilt: ersatzlos streichen und alternative Lösungen fördern.

Würmli: Es braucht ganz klar diese Südspange. Und zwar, weil damit der Durchgangsverkehr und der Verkehr in die Stadt getrennt werden können.

Interview: Tobias Hänni