«Oft herrscht Erklärungsbedarf»

Für Rorschachs Schulratspräsident Guido Etterlin hat das Kopftuch im Klassenzimmer nichts zu suchen – es sei denn, die Schülerin trägt es aus religiöser Überzeugung. Ein generelles Kopftuchverbot hält er für die falsche Lösung.

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Guido Etterlin (Bild: Valentin Schneeberger)

Guido Etterlin (Bild: Valentin Schneeberger)

Herr Etterlin, weshalb stört das Kopftuch im Unterricht?

Guido Etterlin: Das Kopftuch als Symbol einer religiösen Überzeugung stört grundsätzlich nicht im Unterricht. Fehlt aber diese Überzeugung, ist das Kopftuch lediglich eine Kopfbedeckung, genauso wie eine Mütze. Und die hat im Klassenzimmer nichts verloren.

Wie wollen Sie feststellen, ob eine Schülerin das Kopftuch aus religiöser Überzeugung trägt oder nicht?

Etterlin: Wir suchen das Gespräch mit dem Mädchen und den Eltern. Normalerweise lassen sich daraus die Beweggründe für das Tragen eines Kopftuchs schnell erkennen.

Das klingt etwas gar einfach.

Etterlin: Sehen Sie, oft herrscht Erklärungsbedarf, was das Tragen des Kopftuchs angeht. In der Primarschule kann es beispielsweise noch gar kein Thema sein, da sich gemäss den Regeln des Islams ein Mädchen erst mit dem Beginn der Pubertät entsprechend bedecken sollte. Im Gespräch mit den Eltern sprechen wir solche Punkte an und legen unseren Standpunkt dar. Das hat bisher immer funktioniert.

Guido Etterlin (Bild: Valentin Schneeberger)

Guido Etterlin (Bild: Valentin Schneeberger)

Wann war das letzte Mal ein solches Gespräch zwischen Schule, Schülerin und Eltern nötig?

Etterlin: Das war vor vier Jahren. Die Eltern waren verständnisvoll und haben davon abgesehen, ihre Tochter mit einem Kopftuch in die Schule zu schicken.

Die «Weltwoche» schrieb kürzlich, moslemische Schülerinnen müssten in Rorschach einen Tatbeweis für ihren Glauben erbringen, um ein Kopftuch tragen zu dürfen. Stimmt das?

Etterlin: Mit dem Begriff Tatbeweis habe ich Mühe. Er impliziert, dass unsere Schule misstrauisch ist. Das ist nicht der Fall.

Weiter ist von einem Betzwang für Kopftuchträgerinnen die Rede.

Etterlin: Tatsache ist, dass die Schülerinnen religiöse Gründe geltend machen müssen, wenn sie im Unterricht ein Kopftuch tragen wollen. Dabei geht es um viel mehr als nur ums Beten. Viele Leute sind versucht, den Glauben darauf zu reduzieren, ein Kopftuch zu tragen und kein Schweinefleisch zu essen. Das ist billig. In diesem Fall gibt es keinen Grund, das Tragen eines Kopftuchs zu erlauben.

Sie verlangen also nicht, dass die Schülerinnen fünfmal pro Tag beten müssen?

Etterlin: Das ist an der Schule Rorschach noch nie vorgekommen.

Nationalrat Daniel Vischer hält das Vorgehen der Schule Rorschach für unzulässig.

Etterlin: Da bin ich gegenteiliger Auffassung. Das Kopftuch muss sich klar abgrenzen von einer reinen Kopfbedeckung. Und wenn die Schülerinnen keinen religiösen Hintergrund glaubhaft machen können, hat das Kopftuch an unserer Schule keinen Platz.

Erst kürzlich hat sich das Bundesgericht im Falle zweier mazedonischer Mädchen aus Bürglen TG gegen das Kopftuchverbot ausgesprochen.

Etterlin: Es ist korrekt, dass das Bundesgericht den Fall zurückgewiesen hat. Es hat sich aber nicht zum Kopftuchverbot an sich geäussert. Das ist ein wichtiger Unterschied. Eine Schulordnung scheint für ein solches Verbot keine ausreichend rechtliche Grundlage.

Trotzdem wird weiter über ein Kopftuchverbot diskutiert.

Etterlin: Ein generelles Verbot ist nicht die richtige Lösung. Jede Schule braucht einen individuellen und vernünftigen Umgang mit dieser Thematik. Genauso wie es auch bei anderen Themen der Fall ist. Zudem herrscht kein zwingender Handlungsbedarf. Im Schulalltag habe ich andere Probleme, die stärker belasten als die Debatte um das Kopftuch.

Interview: Valentin Schneeberger

An Rorschachs Schulen trägt bisher keine Schülerin ein Kopftuch. (Bild: ky/Jockel Finck)

An Rorschachs Schulen trägt bisher keine Schülerin ein Kopftuch. (Bild: ky/Jockel Finck)

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