ÖFFENTLICHER VERKEHR: Das Tram kommt aufs Abstellgleis

Das Tram kehrt nicht auf die Strassen der Stadt St. Gallen zurück – zumindest nicht in den kommenden Jahrzehnten. Die Planung wird sistiert. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

David Gadze
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Es bleibt vorerst bei der Vision: Trams an der Rorschacher Strasse bei der Haltestelle Grossacker. (Bild: Visualisierung: PD/Stadt St. Gallen)

Es bleibt vorerst bei der Vision: Trams an der Rorschacher Strasse bei der Haltestelle Grossacker. (Bild: Visualisierung: PD/Stadt St. Gallen)

David Gadze

david.gadze@tagblatt.ch

Zwischen Winkeln und Stephanshorn sowie zwischen Stocken und Heiligkreuz sollten dereinst Trams auf den St. Galler Strassen verkehren. Diese Idee bleibt jedoch nur eine Vision für die Zukunft. Denn seit gestern ist klar: 60 Jahre nach seiner Stilllegung und nach vielen Monaten der Prüfung der technischen Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit kommt das Tram vorerst nur aufs Abstellgleis. Das teilten die Verantwortlichen von Stadt und Kanton gestern vor den Medien mit.

Ein Tramsystem würde gegenüber einem gleichwertigen Bussystem erheblich mehr kosten, sagte Regierungsrat Bruno Damann. Allein die Investitionen in die Infrastruktur würden rund 500 Millionen Franken betragen. Beim Bussystem sind es etwa 200 Millionen. Selbst bei einer Kostenbeteiligung des Bundes von 40 Prozent würde bei den jährlichen Betriebs- und Investitionskosten ein Mehraufwand zwischen 5 und 15 Millionen Franken resultieren. Die Abgeltungen von Kanton und Gemeinden stiegen um 5 bis 18 Prozent.

Kapazitätsgrenze der Busse ist noch lange nicht erreicht

Ein weiterer Grund gegen die mittelfristige Einführung des Trams – die Realisierung dürfte etwa 15 bis 20 Jahre in Anspruch nehmen – sind die Annahmen zur Entwicklung der Fahrgastzahlen des ÖV in St. Gallen. Bei einer Verdichtung des Fahrplans der Linien 1 und 4, welche die Stadt entlang der Hauptachsen von Osten nach Westen durchqueren, würden die Kapazitätsgrenzen des Bussystems auf rund 2900 Personen pro Richtung und Stunde (statt knapp 2100 beim heutigen Sechsminuten-Takt) steigen. Beim Szenario mit einer mittleren Nachfragesteigerung – ausgehend von derzeit 1700 Personen pro Richtung und Stunde – würde diese Grenze erst nach 2060 erreicht. Selbst beim Szenario mit einer hohen Nachfragesteigerung würde es mindestens bis 2040 dauern, bis die Busse an die Kapazitätsgrenzen stossen.

Die tatsächliche Nachfrageentwicklung sei in den vergangenen Jahren jedoch «deutlich geringer» gewesen als in den Szenarien, sagte Damann. Das habe sich auch an den seit 2013 sinkenden Passagierzahlen der Verkehrsbetriebe St. Gallen gezeigt (Ausgabe von gestern). Der Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements zog eine Parallele zur S-Bahn St. Gallen, die 2014 ausgebaut worden war. Auch dort habe man bei den Passagierzahlen nicht das erreicht, was vorausgesagt worden war und «was wir gerne hätten».

Dem Rückgang der Fahrgastzahlen zum Trotz wollte Stadträtin Maria Pappa nicht von einer grundsätzlichen Verschlechterung reden: «Dies wäre der Fall, wenn der Autoverkehr in der Stadt zunhemen würde.»

Vorteile halten sich in Grenzen

Auch Pappa bezeichnete die Mehrkosten für das Tram als «nicht tragbar». Es gebe zwar ein paar Faktoren, die für das Tram sprechen würden, etwa die städtebauliche Aufwertung entlang der Strecke, den angenehmeren Fahrkomfort oder den Investitionsschub in der Region. Die Baudirektorin räumte aber gleich selbst ein, dass man diese Punkte «recht suchen» musste. Das Bussystem hingegen sei flexibler und habe geringere bauliche Eingriffe in den Strassenraum zur Folge. Zudem verfügten die ÖV-Passagiere bereits über «ein super Angebot». Heute gebe es auf den Hauptverkehrsachsen einen dichten Takt, der noch weiter verdichtet werden könnte. Beim Tram jedoch müssten die Fahrgäste eine Verschlechterung des Taktes in Kauf nehmen.

Zukunft für das Tram nicht verbauen

Die Idee eines Trams verschwinde nun nicht in der Schublade, versicherte Maria Pappa. Ein Monitoring soll die Entwicklung der Passagierzahlen jährlich überprüfen. Ausserdem dürften künftige Strassenbauprojekte die Einführung des Trams in einigen Jahrzehnten nicht verhindern, sagte die Stadträtin. Auch mögliche Depotstandorte gelte es bereits jetzt zu sichern. Und schliesslich müsse man auch die technologischen Entwicklungen beobachten. Auch Bruno Damann betonte, dass nicht prognostiziert werden könne, wie die Mobilität in 15 bis 20 Jahren aussehen werde.