Nur Gedudel oder Bereicherung?

ST.GALLEN. Das Reglement für künstlerische Darbietungen auf der Strasse wurde in St. Gallen vor fünf Jahren geändert. Seither ist die Zahl der Strassenmusiker klar zurückgegangen. In anderen Städten wird Strassenkunst jedoch als belebend empfunden.

Mirjam Grob
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In St. Gallen nicht mehr zu sehen: Gruppen mit mehr als drei Musikern. (Archivbild: ky/Peter Klaunzer)

In St. Gallen nicht mehr zu sehen: Gruppen mit mehr als drei Musikern. (Archivbild: ky/Peter Klaunzer)

Täglich um 13.30 Uhr vergibt die Gewerbepolizei die Bewilligungen an Strassenmusikanten und -künstler. Maximal drei pro Tag, nur an verschiedene Nationalitäten. Kommen mehr als drei Bewerber, wird unter allen Anwesenden ausgelost, wer die Bewilligung erhält.

Jetzt ist es 14 Uhr an einem verregneten Nachmittag. Der Vorraum des Büros von Miriam Heggli, zuständig für die Bewilligungen, ist immer noch leer. Keine Strassenmusikanten heute.

In letzter Zeit kommt dies häufiger vor: Seit das Reglement vor fünf Jahren restriktiver gestaltet wurde, ist die Zahl der Anfragen klar zurückgegangen.

Attraktivität verringern

Denn seit 2005 darf erst ab 13.30 Uhr gespielt werden, alle 20 Minuten muss die Gasse gewechselt werden, und es sind nur noch Gruppen von höchstens drei Personen erlaubt. Man habe gemerkt, dass das St.

Galler Reglement im Vergleich zu jenem anderer Städte attraktiver sei und habe es deshalb angepasst, erklärt Benjamin Lütolf von der Stadtpolizei. Und es kämen tatsächlich weniger Musikanten nach St. Gallen.

Gleiche Erfahrungen hat man in Wil und in Winterthur gemacht. Hier wird die Bewilligungspraxis ebenfalls restriktiv gehandhabt, was einen Rückgang an Anträgen bewirkte.

In Winterthur wurde das Reglement Anfang dieses Jahres sogar nochmals verschärft – man habe nach wie vor Klagen von Gewerbe und Anwohnern erhalten.

Dass es auch anders geht in Sachen Strassenmusik, zeigen andere Schweizer Städte. In Luzern wird Kunst auf der Strasse als «kulturelle Bereicherung» angesehen. Man sei eine touristische und deshalb offene und grosszügige Stadt, heisst es bei der Amtsstelle für Veranstaltungen auf öffentlichem Grund. Beschwerden von Geschäften oder Privatpersonen seien sehr selten.

Auch Biel zeigt sich tolerant im Umgang mit Strassenmusikanten (siehe Kasten). Bei der zuständigen Gewerbepolizei hat man keinen Rückgang der Bewilligungsgesuche bemerkt, genauso wenig wie in Luzern.

Polizisten als Testhörer

In einem anderen Bereich geht Biel weiter als St. Gallen: Wer das erste Mal um eine Bewilligung anfragt, muss einige Stücke vorspielen.

Auch Winterthur hofft mit einer ähnlichen Massnahme, die Qualität der Darbietungen zu steigern, in Wil ist eine solche Prüfung in Planung.

«In St. Gallen wird dies noch nicht in Betracht gezogen», sagt Lütolf. Obwohl Geschäfte und Anwohner sich laut dem Stadtpolizisten beklagen, es sei belastend, immer wieder die gleichen Melodien zu hören. Vom Gewerbeverband und Gassengesellschaften war wegen Ferien aber niemand erreichbar.

Boris Tschirky, St. Galler Tourismusdirektor, kann die Argumente nachvollziehen: «Ich habe mich auch schon gefragt, ob das ewig gleiche Gedudel mancher Musikanten eine Bereicherung für die Stadt ist.» Grundsätzlich findet er aber, dass Strassenmusik zur Belebung der Stadt und somit der Steigerung ihrer Attraktivität beiträgt. Restriktivere Regeln, um die Zahl der Musikanten zu reduzieren, braucht es Tschirkys Ansicht nach nicht. Qualitätssteigernde Massnahmen wie Auditionen hingegen fände er «einen positiven Ansatz».

Auch in mehreren Geschäften in der Innenstadt würde man es begrüssen, wenn die musikalischen Fähigkeiten der Künstler im vornherein getestet würden. «Schöne Musik würde mich viel weniger stören», sagt etwa die Verkäuferin einer Parfümerie. Dass es weniger Musikanten gäbe, ist keinem der Befragten aufgefallen. Massnahmen zur Verringerung der Anzahl von Strassenkünstlern werden aber trotzdem nicht für nötig empfunden.