«Nur die Spitaloptik berücksichtigt»

Die Spitalplanungsstudie der Industrie- und Handelskammer weise kein umfassendes Gesundheitsversorgungskonzept aus, bemängelt der Präsident der St. Galler Ärztegesellschaft. Sie fokussiere zu stark auf die Spitaloptik.

Regula Weik
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Peter Wiedersheim (Bild: pd/Martin Bichsel)

Peter Wiedersheim (Bild: pd/Martin Bichsel)

ST. GALLEN. Die Spitalplanungsstudie der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell (IHK) liegt seit zwei Wochen auf dem Tisch – doch eine Stimme war bisher nicht zu hören: jene der St. Galler Ärztinnen und Ärzte. Das hat seinen guten Grund: Die kantonale Ärztegesellschaft sei von der IHK weder zum Informationsanlass eingeladen noch im nachhinein orientiert worden, sagt Präsident Peter Wiedersheim.

Er übt denn auch grundsätzliche Kritik an der Studie: Es liege «kein umfassendes Gesundheitsversorgungskonzept» vor und die finanziellen Betrachtungen seien «viel zu fokussiert». Für den Präsidenten der Ärztegesellschaft ist klar: Gesundheitspolitische Überlegungen und Entscheide müssen auch «in bezahlbaren Prämien enden».

Von hundert Krankheitsfällen würden 90 durch eine gute Grundversorgung (Hausärzte und so weiter) behandelt und kuriert, neun durch Spezialisten – und nur einer gelange ins Spital. «Für diesen einen Fall hat die IHK ein Konzept aufgestellt.» Die Studie spiegle «nur die Spitaloptik».

Über Kantonsgrenze hinaus

Wiedersheim ist zudem überzeugt: Eine Spitalplanung müsse heute über «den eigenen Tellerrand» – sprich über die Kantonsgrenze – hinaus erfolgen. Als Gründungspräsident der Konferenz der Ostschweizer Ärztegesellschaften empfehle er «dem Kliniksektor einen solchen regionalen Blick ganz dringend», sagt Wiedersheim. Wie soll das bei unterschiedlichen Base Rates in den verschiedenen Kantonen funktionieren? Die Basistarife seien sich «sehr ähnlich»; es wäre daher durchaus möglich, die Spitalplanung nicht nur innerhalb der eigenen Kantonshoheit anzuschauen. Der Konferenz der Ostschweizer Ärztegesellschaften gehören Appenzell Ausser- und Innerrhoden, Glarus, Graubünden, Schaffhausen, St. Gallen, Thurgau und Zürich an.

Was hält Wiedersheim von den geplanten ambulanten Gesundheitszentren in Altstätten, Flawil, Rorschach und Walenstadt – mit dem Einbezug von Allgemeinpraktikern und Spezialisten? Hilft diese Strategie, dem drohenden Mangel an Hausärzten zu begegnen, wie von den Verantwortlichen der Studie postuliert? Wiedersheim verneint. «Dazu braucht es einerseits mehr Hausärzte und anderseits bessere Rahmenbedingungen.» Und: «Spitalambulatorien verursachen höhere Kosten als private Praxen.»

«Neubauten sind sicherer»

Die Regierung will die heutigen Spitäler sanieren, die Studie neue erstellen. Wie beurteilt die oberste Patientenschützerin der Schweiz, Margrit Kessler, die unterschiedlichen Strategien – unter dem Aspekt der Patientensicherheit? «Spitalneubauten sind immer um vieles sicherer als jahrelange Umbauten.» Die Hygiene sei während Bauphasen immer ein Problem, der Baulärm belastend. Und schliesslich passierten oft Zwischenfälle, wenn Patienten mit Infusionen oder an Beatmungsgeräten «auf langen, komplizierten Wegen von einem Ort zum andern gebracht werden müssen».

Finanzieller Druck

Die Regierung könne noch so viel Geld in die Spitalinfrastruktur einschiessen – «sie genügt den neusten medizinischen und gesellschaftlichen Anforderungen nicht mehr». Doch nicht allein der bauliche Bedarf erfordere ein Umdenken, auch der Systemwechsel im Gesundheitswesen verlange dies. Der finanzielle Druck auf die Spitäler sei nach Einführung der Fallpauschalen enorm, sie müssten rentieren und das sei nur mit vielen Interventionen zu erreichen. «Ein teures Akutbett wird nur noch kurze Zeit belegt werden dürfen. Um sich von einer Krankheit zu erholen, sind das nicht mehr die richtigen Einrichtungen.»