November – der Meister der Grautöne

Draufgeschaut

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Wie bitte? Das hier soll ein Hotspot des Seeufers sein? Wo sich Radler, Fussgänger und Skater in farbenfrohen Outfits an der Strandbar treffen und mit Blick auf den tiefblauen See die Cocktailgläser klirren lassen, wo Verliebte den ohnehin schon farbenfrohen Sonnenuntergang durch die rosarote Brille beobachten?

Nicht jetzt, Anfang November. Statt lebendigem Stimmengewirr gibt’s prasselnde Regentropfen oder unheimliche Stille. Statt Farben gibt’s Grau. In allen Schattierungen. Betongrau der Fussweg, kieselgrau der verlassene Platz, nebelgrau der Himmel, dunkelgrau der See, schiefer- und olivgrau der Brunnen, schwarzgrau eins der Boote, das verkehrt herum fast wie ein Sarg anmutet. Fehlt nur noch Graf Dracula. Stumme Wächter übers Festival der Grautöne sind zwei Trauerweiden, deren Grüntöne vom Novembergrau ebenso übertüncht werden wie die Farben der Wappen an den drei eisengrauen Pfählen seewärts. Die Szenerie ist so himmeltraurig, dass Petrus konstant die Augen tränen und dem Fisch auf dem Brunnen dafür die Spucke wegbleibt.

Doch Halt. Der November kann vielleicht gar nichts dafür, dass er uns dreissig Tage lang Grautöne statt Farben aufzwingt. Seit der Antike haben sich die Menschen schliesslich an ihm vergriffen. Noch vor Christus verlegten die Römer, Namensgeber des Novembers, den Jahresbeginn um zwei Monate nach vorne – so dass der dem Namen nach neunte Monat plötzlich der elfte wurde. Dann ist da die Geschichte mit den Toten, denen der erste Tag des Monats gewidmet ist. Und die Geschichte mit den Untoten und weiteren umherirrenden Monstern, die den November in der Halloween-Nacht schaurig empfangen. Doch damit nicht genug: Ausgerechnet dem November sprechen wir mit der Oktoberrevolution ein welthistorisch wichtiges Ereignis ab. Dieses fand nach dem in der Schweiz gültigen gregorianischen Kalender zwar heute vor genau 100 Jahren, also am 7. November statt – aber nicht nach dem in Russland verbreiteten fehlerhaften Kalender Julius Cäsars (25. Oktober). In jüngerer Geschichte haben sich dafür die Grossverteiler verschworen, dem November je länger je früher den bunt funkelnden Advent aufzuzwingen, der jedoch wirklich nicht Anfang dieses Monats beginnt. Des Weiteren stehlen wir dem November mit der Zeitumstellung Ende Oktober jedes Jahr aus Neue die Chance, uns abends Lichtblicke zu schenken. Kein Wunder also, dass der Monat einen grauen Rachefeldzug angetreten hat.

Doch keine Angst, es gibt Hoffnung, dem Grauen zu entkommen. Vielleicht nicht für die Briten, die vorgestern vom Brexit-Tumult unbeirrt wie jedes Jahr mit knallig-buntem Feuerwerk zelebrierten, dass eine Gruppe Verschwörer am 5. November 1607 versuchte, den König und das Parlament ihres Landes in die Luft zu sprengen. Vielleicht auch nicht für die Geschäfte, die nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande jedes Jahr intensiver auf den «schwarzen Freitag» am Tag nach Thanksgiving Ende November hin fiebern. Mit Rabatten wollen sie dann schwarze statt rote Zahlen schreiben. Die Zeichen stehen aber gut für Rorschach, das derzeit abends dank der Lichtwoche des Kunstvereins erleuchtet wird. Gute Nachrichten gibt’s auch für alle die, die der graue Monat närrisch macht: Sie dürfen am Samstag um 11.11 Uhr farbig rebellieren.

Wer sich mit der Rolle des Rebellen (oder des Narren) schwer tut, begibt sich auf den Weg der geistigen Erleuchtung. Schliesslich bringt uns der November mit seinen Grautönen zu einer wichtigen Einsicht: Die Welt mag nicht immer kunterbunt sein, aber schwarz-weiss ist sie nie. (cot)